Prolog (vor 2.500 Zyklen)

Kemu Arigensa kniete in seinem Wohnzimmer auf dem Boden, wie es Brauch war. Vor ihm stand ein kleiner, niedriger Holztisch. Darauf befand sich alles, was er brauchen würde. In dem in den Boden eingelassenen Teich neben ihm plätscherte es, als ein kleiner Fisch die Wasseroberfläche aufwühlte. Die hölzernen Schiebetüren waren geöffnet und gaben den Blick auf den Horizont und auf die in seinem Garten in voller Blüte stehenden Kirschbäume frei. Es duftete wundervoll. Es hatte sich gelohnt, zu warten. In wenigen Augenblicken würde die Sonne aufgehen. Er konnte noch einmal das Licht sehen, sein letztes Mal.
Keine Zeit mehr, zum Tempel zu gehen und es dort zu tun. Er musste darauf vertrauen, dass sein Gott ihn auch hier finden würde.
Er hatte nicht etwa versagt, nein, er hatte dem Farbigen besser gedient als jeder andere vor ihm. Dies hier war sein Lohn. Mit Freuden würde er in die Anderwelt übergehen, denn es gab keinen anderen Weg. Er wusste als einziger, wo sich die Sphären befanden und sein Wissen musste mit ihm sterben.
Kemu spürte, wie sie sich näherten. Sie hatten ihn gefunden.
Seiner lieben Frau Kenshi würde kein Leid geschehen. Der Farbige hatte versprochen, sich um sie zu kümmern. An Kemu war es nun, sein Schicksal zu erfüllen.
Sie kamen schnell, denn sie wussten, dass die Zeit drängte.
Schade.
Er würde den Sonnenaufgang nun doch nicht mehr sehen können. Das Morgenrot musste genügen.
Eine bedrohliche Finsternis begann sich auszubreiten. Er spürte, wie sie in sein Haus eindrang. Nebel zog auf. Alles, was dieser berührte, zerfiel innerhalb von Augenblicken zu Staub. Die Pflanzen im Garten, das Holz der Terrasse, alles alterte und verfiel mit unnatürlicher Geschwindigkeit. Das Gefühl erdrückender Schwärze wurde stärker. Es war an der Zeit.
Die Diener des Dunklen kamen zu spät. Alles war getan, Abschied genommen und die Reise vorbereitet.
Mit geübter Hand bereitete Kemu den schmalen Dolch vor, ließ kondensiertes Licht über die Klinge rinnen. Seinen letzten Willen hatte er auf ein Stück Pergament gemalt und in die Regenbogenmetallkassette gelegt. So blieb es unerreichbar für die Diener des Chaos. Der rituelle Selbstmord war die größte Ehre, die ihm zu Teil werden konnte. So hatten Kemu und sein Herr es abgesprochen. Er starb für seinen Glauben und würde ewig leben. Die Seinen für immer von aller Schuld befreit, reine Lichtgestalten in einem Meer aus Finsternis.
Er betrachtete sein Spiegelbild im Wasser des kleinen Teiches, der sich direkt neben ihm befand. Ein Schwarm winziger Fische schwamm darin. Sein schwarzbraunes Fell bildete einen tiefen Kontrast zu den saphirblauen Augen. Seine Kenshi hatte sich in diese Augen verliebt, damals vor beinahe zehn Zyklen.
Eine Träne rann heraus, tropfte hinunter und vermischte sich mit dem Wasser des Teiches. Die Fische stoben auseinander. Eine tiefe Sehnsucht nach Kenshis Berührung ergriff Kemu und ließ ihn einen Moment zögern.
Ein schwarzer Nebelarm kroch durch die geöffneten Türen hinein in das Zimmer. Die Schatten hatten ihn gefunden, doch sie waren umsonst gekommen.
Seine mächtigste Dienerin hatte der Dunkle ausgesandt: Genratur, die Verwesende. Doch auch sie blieb ohnmächtig gegenüber dem Tod selbst und der Größe des Farbigen. Der Priester in Kemu wusste, dass seine Essenz nicht brennen würde. Der unscheinbare, bunte Federanhänger, welcher sich an einer goldenen Kette um seinen Hals befand,  würde ihn zur Quelle bringen und mit etwas Glück zur Domäne seines Herrn.
Noch bevor ihn die Schatten erreichten, nahm er den Dolch, setzte ihn an seinem Bauch an und stieß ihn sich in den Leib. Noch nie in seinem Leben hatte er solche Schmerzen erlitten. Er stöhnte leise auf. Kemu hatte Mühe, bei Bewusstsein zu bleiben, doch er musste. Er durfte nicht riskieren, zu überleben. Mit beiden Händen packte er den Griff und mit aller Kraft führte er den Stahl durch seine Eingeweide.
Als der Nebel ihn schließlich erreichte, lächelte er.
Es war vollbracht.
Blut quoll aus seinen Mundwinkeln und der Schmerz riss ihn mit sich fort. Sein letzter Gedanke galt seiner geliebten Kenshi, seiner Witwe. Als Kemus Körper leblos zu Boden fiel, waren Schatten und Nebel verschwunden und die Sonne erschien am Horizont. Der Farbige hatte gesiegt – dieses Mal.