2. Evolution, morphogene Elektroiden und unsichtbare Haustiere

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„Ynishii! Kannst du deinem Knirps nicht beibringen, dass er einem nicht ständig zwischen den Füßen rumspringt? Fast wäre ich auf dem Hintern gelandet.“
„Verzeihung, ähm Unari. Ich werde ihn gleich in mein Quartier einsperren. Tut mir wirklich leid.“
Etwas leiser fügte er hinzu: „Er heißt Ziirp und nicht Knirps.“
Unari T’Schenko hatte das gehört, denn obwohl nicht groß und noch dazu sehr unauffällig, waren ihre Ohren dennoch sehr empfindlich.
„Na, bitte. Von mir aus. Aber in der Zentrale hat das Vieh nichts verloren. Irgendwann wird noch jemand drauftreten.“
An Joey-625 gewandt fuhr sie fort.
„Joey-625? Wie weit ist es noch?“
„Noch zw-weihun-nd-derttau-s-sent Kil-lo-lometer.“
Die EDEN näherte sich im Schutz ihrer Schwarzlichtfelder der Raumverwerfung auf der anderen Seite des Überganges. Sie waren also bereits in der anderen Realität. Auf der eigenen Seite hatten sie es geschafft die Verwerfungen rückgängig zu machen. Diese hier stand noch aus. Die EDEN durfte sich nicht zu weit vom Eingang entfernen, da sie noch keine Möglichkeit hatten ihn zuverlässig zu orten. Der Navigationsprozessor würde zwar den Übertrittspunkt fixieren aber Unari wollte kein Risiko eingehen, zumal es auf dieser Seite, und das wusste sie genau, eine große Bedrohung gab der sie unter allen Umständen aus dem Weg zu gehen gedachte. – Traitor!
Die genetisch angepasste, topsidische Ingenieurin wusste nicht was hier vorgefallen war und wie sich der Kampf gegen die terminale Kolonne hier entwickelt hatte, war aber auch nicht wirklich scharf darauf das herauszufinden. Allerdings ließ die Ödheit der Umgebung keine große Hoffnung aufkommen. Mehrere Planeten in Sensorenreichweite waren zertrümmert oder von Abbauschächten für Metall und andere Stoffe die etwas wert waren verunstaltet. Kolonneneinheiten konnten sie nicht orten.
„Kunststück“, dachte Unari. „Hier ist ja wohl auch nichts mehr zu holen.“
Solange die Schwarzlichtfelder aktiv waren brauchten sie sich über Traitor keine Gedanken zu machen. Bloß die multidimensionale Verdrehung stabilisieren und dann nach Hause, das war alles. Bis jetzt hatte sich die Besatzung aus Elektroiden durchaus bewährt. Das Experiment schien gelungen zu sein.
Die gesamte Mannschaft der EDEN bestand aus sogenannten Elektroiden. Sie konnten praktisch alle äußeren Parameter nachahmen, sobald sie darauf programmiert waren. Diese hier sahen alle aus wie Jo Jin Ka. Ein kartanischer Spezialist, Kommandant der CAMOUFLAGE und ein guter Freund des Legionsgründers Durash. Soweit Unari wusste waren sie ein Geschenk zum Geburtstag gewesen. Genau eintausend dieser halborganischen Maschinen. Auf dieser Mission sollte sich herausstellen ob sie als Besatzung eines Schiffes taugten oder ob sie hier an ihre Grenzen stießen.
Bis dato gab es keinerlei Probleme. Alle funktionierten mit der Präzision eines Uhrwerkes. Obwohl sie aufgrund ihrer Grundprogrammierung begonnen hatten persönliche Charaktereigenschaften und Marotten zu entwickeln hatte das offenbar ihrer Effizienz keinen Abbruch getan. Es war wohl der Plan, durch ein gewisses Maß an Evolution zum Entstehen einer natürlich gewachsenen Persönlichkeit auf der Basis derer von Jo Jin Ka beizutragen. Das erwies sich nicht als die schlechteste Idee, denn Unari hatte den Kartanin während dieser Hyperraumparasiten-Geschichte kennengelernt und er war ein durchweg netter Kerl gewesen, höflich, zurückhaltend und pechschwarz.
Die Tatsache, dass sie sich mit ihm angefreundet hatte bedingte wohl auch, dass sie sich hier an Bord des Aufklärers so wohl fühlte. Man hatte irgendwie das Gefühl von Freunden umgeben zu sein. Besonders Joey-786 war der Topsiderin ans Herz gewachsen. Er hatte eine subtile Art von Humor entwickelt. Er war eine freundliche und angenehme Gesellschaft und trug dazu bei, dass sich die Ingenieurin langsam an die riesige Ringstation um Pyridia zu gewöhnen begann. Sie wurde aus ihren Überlegungen gerissen als die EDEN den Rand der Verwerfung erreichte.
„W-Wir s-sind da.“, meldete sich Joey-625.
Wie konnte es nur möglich sein, dass ein Elektroid stotterte? Joey-625 musste eine leichte Abweichung in der Programmierung seiner Sprach-Subprozessoren aufweisen. Es störte sie nicht, wenn es ihn nicht störte aber es war schon ein wenig merkwürdig. Evolution bedingte eben auch Abweichungen von der Norm. Ohne diese war eine Entwicklung offenbar nicht möglich. Schließlich gab es auf dem Weg zu einem endgültigen Design unzählige Versuche. Unari mochte sich nicht vorstellen wie viele Fehlschläge es gegeben haben musste, bis sich zum Beispiel so etwas Perfektes wie ein Vogel entwickelt hatte. Millionen von Jahren und ebenso viele Sackgassen. Trotzdem stand die Entwicklung nie still und würde ihren Plan auch in weiteren Millionen Jahren nicht vollendet haben.
„Gut. Wir halten dann hier unsere Position und warten auf Ynishii. – Wo steckt er denn eigentlich immer noch?“
Joey-625 befragte die internen Sensoren und stellte fest, dass sich der Novize in einem Gang nahe seinem Quartier aufhielt und auf dem Boden herumkroch. Der Topsiderin deuchte, dass er schon wieder nach Ziirp suchte, seinem Flexogator. Da das Haustier, wenn es wollte, unsichtbar war, musste es sich um einen Dauerzustand handeln.
„Wenn er doch nur endlich eine Antiflex-Brille verwenden würde.“
Doch in dieser Hinsicht war der Gataser eigensinnig. Er glaubte, dass er Ziirp damit den Spaß verderben würde, dass jemand nach ihm suchte, was vielleicht wirklich sein konnte, denn niemand wusste genau wie intelligent diese Wesen eigentlich waren.
„Ist noch jemand in der Nähe?“
„J-Joey-293 ist n-nur zw-wanzig Meter entf-fernt.“
„Schick ihn bitte hin. Er soll unserem tellerköpfigen Freund suchen helfen und ihn dann hierher bringen.“

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