1. Schattenspiel
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Ekkras Onk war mitten in der Nacht aufgewacht. Er hatte schlecht geträumt. Der Frachterkapitän sah nach rechts hinüber. Dort schlief Alanda an seiner Seite. Was fand sie nur an ihm? Schließlich war er so ungefähr der erfolgloseste Mann, den er selbst kannte, nach dem Rest der Crew natürlich. Außerdem war er ein Krüppel. Ekkras frustrierte die Gesamtsituation, wie schon öfters in letzter Zeit. Und zum Trinken gab es auch nichts. Alanda hatte alles weggeworfen. Sie fand, dass er sich nicht betrinken sollte, was ja prinzipiell auch stimmte. Er hätte gerne ein Gelege mit ihr aber wie sollte er das anstellen. Wenn die Dinge so weiterliefen, dann würde er an seinem zweihundertsten Geburtstag noch mit dem alten Kahn herumfliegen und Billigschrott liefern.
Er sah sie an, wie sie dalag und schlief. Sie hatte einen wunderschönen Rücken. Ob er sie wecken sollte? – Es musste doch noch irgendwo etwas zu trinken geben! Vielleicht wenn er sich zur Station hinüber begab? Die Bars hatten rund um die Uhr geöffnet. Eine mysteriöse Explosion hatte Elwyn’s Heim zwar vor Kurzen stark beschädigt, der Betrieb war aber zum größten Teil wiederaufgenommen. Die Springer mussten die horrenden Verluste wieder ausgleichen, die sie an Material und auch an Leuten erlitten hatten. Es befanden sich allerlei Gerüchte im Umlauf was zu dieser Zerstörung geführt haben könnte aber die Mehandor schwiegen beharrlich.
„Das soll mein Problem nicht sein! Ich habe Durst!“
Er zog sich leise an und schlich sich aus dem Zimmer. Er bewegte sich auch noch leise, als er das Schiff schon verlassen hatte und die Springerstation betrat. Ekkras fühlte sich nicht so recht wohl aber die Verlockung eines Schluckes Hochprozentigem war einfach zu groß. Tatsächlich fand er nach kurzer Suche eine Bar die ihm zusagte. Er bestellte sich gleich eine ganze Flasche und setzte sich in eine unauffällige Ecke. Da der Kapitän seinen Stützschwanz als junger Mann hatte entfernen lassen saß er sehr bequem. Ansonsten waren diese Stühle für Topsider eher ungemütlich. Damals hatte er auch noch Geld genug, bis er auf die dämlichste Idee seines Lebens gekommen war und diesen Mülleimer von einem Raumschiff gekauft hatte. Danach hatte es leider für den Arm nicht mehr gereicht. Eigentlich hatte es seither für gar nichts mehr gereicht.
Nach zwei Stunden und einer weiteren Flasche passierte plötzlich etwas Merkwürdiges. Ekkras hatte nicht bemerkt wie der Yülziish hinter ihn getreten war. Erst als er eine Hand auf seiner rechten Schulter spürte schrak er hoch.
„Was willst du von mir? Ich kaufe nichts!“ nuschelte er.
„Sie sind doch Ekkras Onk, der Händler?“
„Klar bin ich der. Und wer bist du?“
„Mein Name ist Ynishii und ich habe das Packet bei mir.“
Der Frachterkapitän wurde hellhörig. Wenn er auch nicht mehr ganz nüchtern war merkte er doch wenn ihn jemand übers Ohr hauen wollte. Was hatte der Blues mit den auffälligen Mustern nur vor. Er wirkte zwar freundlich aber Betrüger und Diebe sahen meist nicht gefährlich aus, bis dann plötzlich das Geld weg war oder man ein Messer im Rücken hatte. Er beschloss darauf einzugehen um festzustellen was der Fremde wollte.
„Wo ist es denn? Ist auch alles drin?“
„Ich habe nichts angerührt. Es ist alles so wie vereinbart.“
Er stellte einen kleinen Kasten auf den Tisch. Jetzt wollte Ekkras mal sehen was Ynishii dafür haben wollte.
„Ein Holzkasten? Jetzt soll ich sicherlich dafür bezahlen um zu erfahren was drin ist.“
Der Blues stutzte und schüttelte den Kopf.
„Es ist schon bezahlt. Ich soll es nur zustellen. Ich wünsche viel Spaß oder was auch immer du damit anstellen willst.“
Er zwinkerte mit seinen beiden vorderen Augen, stand auf und war verschwunden bevor Ekkras fragen konnte ob er auch sicherlich den Richtigen erwischt hatte. Aber schließlich hatte der Tellerkopf seinen Namen gekannt. Der Topsider war viel zu besoffen um darüber nachzudenken und so beschloss er zurück auf die ENTSCHO’KTAK zu gehen und sich auszuschlafen. Morgen wollte er dann den Kasten anschauen. Aber zuerst musste Ekkras noch einen Neutralisator einnehmen, und zwar einen, der zwar seine Ausdünstungen normalisierte ihn aber nicht um seinen Rausch brachte.
Er schlich sich zurück an Bord und auf die Krankenstation. Nach kurzer Suche hatte er gefunden wonach er gesucht hatte.
Er wollte es gerade mit einem Schlückchen Wasser hinunterspülen als das Licht anging. Im Schott stand Alanda. Sie sah ihn gleichzeitig ärgerlich und auch ein wenig mitleidig an.
„Hast du wieder getrunken? Wann hörst du endlich auf damit?“
Sie kam näher und umarmte ihn.
„Ich will dich doch nicht einsperren oder dir Vorschriften machen. Ich liebe dich.“
Ekkras wusste nicht was er sagen sollte. Leugnen würde nichts bringen und so hielt er sie einfach fest.
Nach einer Weile löste sich Alanda von ihm und ging zum Medikamentenschrank hinüber. Sie holte eine farblose Flüssigkeit heraus und reichte sie dem Kapitän.
„Das wird besser helfen.“
In diesem Moment bemerkte sie den Holzkasten auf der Krankenliege.
„Was ist denn das? Hast du das mitgebracht? Du hast doch nichts geklaut?“
Ekkras war entsetzt. Wie konnte sie denken, dass er stehlen würde.
„Ein Blues hat es mir gegeben. Einfach so. Er kannte mich und meinte es wäre schon bezahlt und ich sollte viel Spaß damit haben.“
„Mit einer Schachtel? Hast du schon reingesehen?“
„Noch nicht. Das wollte ich morgen früh machen wenn ich wieder…“
„…klar bin, meinst du. Was soll ich nur mit dir machen? Wie logisch ist es, dass einfach einer kommt und einem ein Päckchen in die Hand drückt? Ich schaue rein.“
Sie ging zu der Liege hinüber und fing an den Verschlussmechanismus zu untersuchen. Ihr Freund hielt sie zurück.
„Du weißt nicht, ob es nicht eine Sicherung gibt. Wir sollten wirklich bis morgen warten und Serina bitten einen Blick drauf zu werfen.“
Das sah die Topsiderin ein. Niemand hatte etwas davon wenn es ihnen um die Ohren flog.
„Kannst du dich noch an den Namen des Boten erinnern? Vielleicht wäre es besser das Ding zurückzugeben.“
Doch Ekkras hatte kein gutes Gedächtnis, vor Allem nicht wenn er betrunken war. Er erinnerte sich noch nicht einmal an den Namen der Bar in der er gesessen hatte. Möglicherweise würde seine Erinnerung aber wiederkommen. Alanda sah seinen verwirrten Gesichtausdruck.
„Na schön. Dann machen wir das morgen. Solange sollten wir das Teil lieber an einem sicheren Ort aufbewahren. Leg es bitte zu den anderen „Wertsachen“ und komm dann ins Bett.“
Am nächsten Morgen saß Serina gerade beim Frühstück. Sie fragte sich, wie ein normaler Mensch so ein fürchterliches Schlachtfeld essen sollte. Setir Ch’tak war zwar davon überzeugt gut kochen zu können aber für die Tefroderin war es einfach Fraß. Sie würgte das Zeug dennoch immer wieder hinunter ohne ihn persönlich anzugreifen, denn dem Schiffskoch schien es tatsächlich zu schmecken. Er schmatzte und schob sich das Zeug löffelweise in den Mund. Dabei pfiff und sang er. Bevor sie allerdings erbrechen musste summte ihr Interkom, das sie am Handgelenk trug. Zu ihrer großen Freude sollte sie sich sofort beim Kapitän melden. Das war die Rettung. Sie schob den Rest ihres „Frühstücks“ in Richtung des fröhlichen Kochs.
„Da bitte. Ich muss leider los. Lass es dir schmecken.“
Setir konnte nicht antworten, denn er hatte den Mund voll und war gerade dabei nachzulegen.
Auf dem Weg zu den Mannschaftsunterkünften, von denen die meisten leer standen bemerkte Serina, dass das Schiff schon wieder komische Geräusche machte. Sie würde sich darum kümmern müssen. Schließlich hatte sie auch nichts davon wenn der ganze Kahn zur Hölle fuhr. Wahrscheinlich hatten sich die Längsverstrebungen der Hülle gelockert und zwar durch die Vibrationen der Linearraumkonverter, die schon wieder fasst verbraucht waren. Es würde also
wieder nichts übrigbleiben von der ganzen Fracht. Alles an Gewinn würde in neue Konverter investiert werden müssen. Sie wollte sich ja gar nicht beschweren, denn sie vertrug sich gut mit den Topsidern an Bord aber an vielen Orten der Galaxie waren sie Außenseiter, die als ein wenig primitiv und aggressiv galten. Serina wusste es besser. Ihre Kultur war mindestens genauso hoch entwickelt wie die Terranische oder die der Blues. In der Vergangenheit hatten sie einfach nicht die Möglichkeiten die andere hatten. Die Terraner zum Beispiel mussten nie die überlichtschnelle Raumfahrt entwickeln. Sie bekamen alles von den Arkoniden quasi zum Nulltarif. Die Arkoniden wiederum hatten das akonische Erbe und diese wiederum waren Nachfahren der Lemurer. Die Topsider hatten derartige Hilfe nicht. Sie entwickelten trotz ihrer eher aggressiven Kultur selbstständig die Möglichkeit zu den Sternen zu reisen. Und in der heutigen Zeit galt schon lange nicht mehr das Recht des Stärkeren, nicht einmal auf Topsid. Sie versuchten sich zu integrieren und wurden trotzdem eher belächelt und als dumm abgestempelt. Ihre sensible Seite sahen die Wenigsten.
Als sie beim Quartier des Kapitäns ankam öffnete sich die Tür schon bevor sie den Türsummer berührt hatte. Drinnen standen Ekkras Onk und Alanda neben einem kleinen Tisch. Das Zimmer war größer als die normalen Mannschaftsquartiere aber genau so spartanisch eingerichtet. Ein paar gute Innenarchitekten hätten sicher viel Arbeit gehabt um das vorherrschende Grau und Braun in einen gemütlichen Privatbereich zu verwandeln. Sie alle drei trugen außerdem die gleichen, grauen Bordkombinationen. Serina hätte sich gewünscht mal eine andere Farbe, zum Beispiel Rot oder Gelb auszuprobieren.
Nachdem sie eingetreten war schloss sich das Schott mit einem leise quietschenden und auch einem kratzenden Geräusch. Ekkras versuchte wie immer seinem Besuch die rechte Seite zuzudrehen um den verkürzten und ein wenig verkrüppelten linken Arm zu verbergen. Serina fand das gar nicht so schlimm, aber der Kapitän schämte sich, deshalb wollte sie ihn nicht in Verlegenheit bringen indem sie das Thema ansprach.
Alanda war es, die das Gespräch eröffnete.
„Gestern haben wir das da gefunden.“
Sie deutete auf ein Holzkästchen das auf dem Tisch stand. Es sah unscheinbar aus und hatte ein nicht sehr kompliziert wirkendes Zahlenschloss.
„Wir bekommen es aber nicht auf. Würdest du dir das Schloss mal ansehen?“
Die Tefroderin nahm da Ding in die Hand. Was auch immer drinnen war, es konnte nicht schwerer als dreihundert Gramm sein. Ein bisschen Misstrauen konnte sie nicht verbergen als sie sich zu dem Kommandanten umdrehte und fragte:
„Wo genau haben Sie es gefunden? Es ist doch nichts Illegales? Vielleicht sollten wir es den Springern geben, die können es auch sicher öffnen.“
Wieder war es Alanda die antwortete.
„Serina! Wir sind Freunde, oder? Um ehrlich zu sein, es wurde uns gebracht. Vermutlich war es eine Verwechslung. Wir kennen aber den wirklichen Eigentümer nicht. Vielleicht gibt der Inhalt einen Hinweis.“
„Was ist mit dem Boten? Können wir es nicht einfach zurückgeben?“
„Leider hat er seinen Namen nicht genannt“, log Alanda, denn sie wollte Ekkras nicht auch noch als Trunkenbold outen, der sich im Suff nicht einmal einen Namen merken konnte.
Die Technikerin war zwar noch nicht ganz überzeugt aber sie war neugierig genug um ihre weiteren Bedenken fürs erste hinten anzustellen.
„Dann wollen wir doch mal sehen. - Es ist nicht kompliziert. Ein einfaches, mechanisches Zahlenschloss. Das dauert nur ein paar Minuten.“
Sie holte ein paar Werkzeuge aus der Tasche und fing an. Nach genau zwei Minuten und sechsundzwanzig Sekunden machte es „klick!“ und das Kästchen ließ sich öffnen.
