Im Schatten des Drachen - Teil 1:

 

Leseprobe:

 

 

Es ärgerte ihn und ihm war langweilig. Seit zwei Tagen hatte sich nichts getan. Diese verflixte Wand. Sie schien allen Bemühungen zu widerstehen. Er hatte sich dagegen geworfen, mit dem Erfolg, dass ihm alles wehtat. Es war als fiele man nackt in einen Haufen Brennnesseln. Er hatte sie mit Steinen beworfen, sie angeschrien und sogar versucht sich darunter durchzugraben. Alles hatte nichts genützt. Amandino stand wie ein begossener Pudel herum und kaute auf seinem letzten Stück Brot. Wenn er jetzt umkehrte würde es eng werden, denn alle Vorräte, die er mitgebracht hatte waren weg. Er würde sich vielleicht irgendwie durchschlagen aber vor seine Schwester Arla wollte er so nicht treten. Sie würde ihm vermutlich stundenlang vorhalten, dass er sich nur um die Arbeit drücken wollte und sich bestimmt nur irgendwo vergnügt hatte. Sie würde ihm eine Standpauke halten, die sich gewaschen hatte, noch viel schlimmer als Liza, seine Mutter das immer tat. Und normalerweise hatte sie damit auch nie unrecht, denn er war wirklich nicht gerade fleißig. Viel lieber trieb er sich den ganzen Tag draußen herum. Etwas genervt kickte er mit dem rechten Fuß einen kleinen Stein weg, der gegen die Mondlichtmauer prallte und mit einem kleinen Funkengewitter zurückgeschleudert wurde. Eigentlich sah es ganz schön aus. Er wollte sich gerade umdrehen und davongehen, auch auf die Gefahr von seiner sklaventreibenden Schwester in den Hintern getreten zu bekommen, als sich ein undeutlicher, blinkender Schemen hinter der Wand abzuzeichnen begann, der langsam größer wurde. Kurz bevor die Gestalt von innen die Mauer berühren konnte teilte sich Diese wie ein Vorhang und gab den Blick auf einen stattlichen Echsenkrieger in einer polierten Silberrüstung frei.

 

Langsam gewöhnte sich Amandino an diese seltsamen, eidechsenköpfigen Geschöpfe, die es nur in der Grafschaft zu geben schien. In den vergangenen Tagen hatte er hier und da schon mal einen gesehen ohne allerdings auf sich aufmerksam zu machen. Sie konnten auf alle Fälle durch die Energiebarriere gehen.

 

Dem Gesicht des Geschuppten war keine Regung anzumerken.

 

Er trug ein schweres Doppelschwert, welches normalerweise von den Kentauren von Uttika verwendet wurde. Auf seiner Rüstung waren Ornamente aus Gold eingelassen. Sie wirkte trotz ihrer Schwere anmutig. Der Krieger kam direkt auf Amandino zu. Der junge Lutin überlegte ob er weglaufen sollte und ob er im Falle eines Angriffes eine Chance gegen den massigen, gut gerüsteten Gegner hätte. Leider stand die Quote 20:1 für den geschuppten Hünen. Er beschloss deshalb einfach so zu tun als ob er sich nicht gleich in die Hose machen würde und entschlossen und mutig auszusehen. Er straffte sich und wartete, jederzeit bereit den strategischen Rückzug anzutreten. Der Echsenmann hielt seine Waffe lässig in der Armbeuge und kam gemächlich näher. Er baute sich etwa zwei Meter vor dem Lutin auf und sprach mit einer angenehmen tiefen Stimme:

 

»Seid gegrüßt, Amandino vom Klan des Nikodemus. Der hohe Fürst Verteron von Finstersee bittet Euch einzutreten und ihm die Ehre Eurer Anwesenheit an der fürstlichen Tafel zu erweisen. «

 

Amandino war überrascht. Sein Mund stand offen aber es kam kein Ton heraus. Nach einer kurzen Pause wurde der Echsenkrieger unruhig und beschloss etwas deutlicher zu werden:

 

» Das bedeutet: Beweg deinen Arsch rein, es zieht! «

 

Amandino zögerte noch immer, setzte sich aber langsam in Bewegung als sich die Mundwinkel seines gegenüber nach unten zu ziehen begannen. Der Krieger ging voraus. Als er zusammen mit dem halb erleichterten aber auch halb verängstigten Lutin die Mondlichtmauer durchquerte schloss sie sich sofort wieder. Makellos und erhaben schimmerte sie im fahlen Licht des großen Barinsteines als hätte es nie eine Öffnung gegeben.

 

 

 

Sie gingen gemeinsam der Spitze der Stalagtitenfestung entgegen. Da sie eine kurze Strecke am Strand einer kleinen Bucht zurücklegen mussten konnte Amandino für einige Zeit das Rauschen der Wellen genießen. Er betrachtete die Spuren, die seine Füße im Sand hinterließen. Der Sand, der völlig schwarz zu sein schien, fühlte sich angenehm weich an und für kurze Zeit war er versucht sich eine Angel zu basteln und sich ein wenig an den Strand zu legen. Er wünschte sich zu entspannen und vielleicht ein oder zwei Fische zu fangen. Dass es sich dabei um eine eher schlechte Idee handelte konnte er natürlich nicht wissen, denn die einheimische Tierwelt des unterirdischen Meeres unterschied sich erheblich in Form und vor Allem der Größe von den Tieren der Gewässer, die er bisher kannte. Als sie schließlich eine schmale Treppe erreichen, deutete der Grüngeschuppte nach oben und meinte:

 

» Deine Ordonanz erwartet Dich oben am Haupttor – Bedeutet: Geh die Treppe hoch und klopf an, dann kommt Dich einer abholen. «

 

Amandino war etwas verärgert über den aufgeblasenen Kerl, der glaubte, dass ein Lutin wohl zu blöd sei einen Satz beim ersten Mal zu kapieren, schluckte es jedoch herunter als er sah, dass die Treppe frei schwebte und über keinerlei Geländer verfügte. So kam nur ein unsicheres » Danke « über seine Lippen, während er sich an den Aufstieg machte. Nach ein paar Stufen, es mögen dreißig bis vierzig gewesen sein musste er bereits gegen den Drang der natürlichen Neugier der Lutins ankämpfen nach unten zu sehen. Nach der Fünfzigsten schließlich hielt er es nicht mehr aus und lugte über den Rand, nur um sich schwindelig auf alle viere niederzulassen und sich zu übergeben. Er hoffte, dass dieser aufgeblasene Wachmann unten stehen und seine gerechte Strafe gleich abbekommen würde. Genau aus diesem Grund liebte er die weiten Auen seiner Heimat. Sie waren eben und flach. Während er auf allen Vieren weiter kroch verwünschte er den Baumeister dieser seltsamen Treppe und gab ihm allerlei Namen, die selbst einem alten Zentaurenveteranen die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätten.

 

Durch das Fluchen und Schimpfen ließ die Übelkeit etwas nach und er stellte zufrieden fest, dass er sich auch schon wieder ein wenig aufrichten konnte. Nach einer Weile kam dem tapferen Treppensteiger der Verdacht, dass sie das Geländer möglicherweise absichtlich „vergessen“ hatten, um Hausierer und Bettler, die sich irgendwie aufgrund ihrer fehlenden Körperfülle durch die Wand gequetscht hatten, davon abzuhalten die Eingangstüre zu erreichen. Er verwarf diesen Gedanken allerdings kurze Zeit später wieder. Nach gefühlten fünf Stunden erreichte Amandino dann endlich die obere Plattform, welche eine Art kleinen Vorhof bildete, an dessen hinteren Ende eine gewaltige, zweiflügelige Tür aus schwarzem Basalt aufragte. Sie mochte so hoch sein wie zwei oder drei Trolle und war von einem Meer feiner Linien bedeckt, welches sich je nach Blickwinkel zu verändern schien, so als lebte es. Im gleichen Moment nannte er sich einen einfältigen Kobold.

 

» Wozu sollte jemand eine lebendige Tür brauchen? «

 

Ein wenig merkwürdig war das Ganze allerdings schon, denn wieso gab es ein riesengroßes Tor auf einem kleinen Absatz, welcher nur von einer winzigen Treppe aus erreicht werden konnte. Was auch immer durch diese Tür passte musste einen anderen Weg benutzen.

 

Irrte er sich oder begann sich ein natürlicher Drang bei ihm zu regen.

 

» Doch nicht jetzt! «

 

Amandino sah sich gehetzt nach einer Möglichkeit zur Erleichterung um. Nachdem sein Auge eine kleine Nische erblickt hatte atmete er auf. Der Lutin hatte gerade die Hose geöffnet als er ein lautes und komischerweise sehr ungehaltenes Räuspern hörte.

 

Leider war es nicht zu verhindern, dass sich bei dem darauf folgenden, schnellen Umdrehen das Beinkleid vollständig verselbstständigte. Gerade noch konnte der kleine Besucher seine Jacke zuziehen, bevor der vor ihn stehende, geradezu gewaltige Minotaurus einen falschen Eindruck bekam. Sein Gegenüber war, was für einen Angehörigen seiner Art eher untypisch war fasst weiß. Und nicht nur dass. Der Hornträger schien sich nicht bloß rasiert und eingeölt zu haben, er trug trotz der relativen Kälte in dieser Höhle nur einen Lendenschurz. Dieser allerdings bestand aus wertvoller Seide und wurde von einem goldenen Gürtel mit einem Schlangenmotiv darauf an seinem Platz gehalten. Und er schaute nicht gerade freundlich als er zu sprechen begann.

 

» Was sind denn das für seltsame Manieren? Denk nicht mal dran! Der Fürst erwartet dich und ich soll dich hinbringen! Zieh dich wieder an und dann komm rein. Mein Name ist übrigens Kreorat und ich bin der Kammerdiener seiner Hoheit! «

 

Amandino tat wie ihm aufgetragen war und folgte dem Riesen hinein.

 

Das schien ja gar nicht gut anzufangen.

 

Die Eingangshalle wirkte auf eine dunkle und unheimliche Weise prächtig. Sie hatte einen Durchmesser von mehreren Troll-Längen und war rund. Nach Norden hin verlief ein breiter Gang. Auf dem Boden war ein großes Mosaik angelegt, dass einen schwarzen Drachen zeigte. An den Wänden und der Decke verliefen verschnörkelte Linien, die wie exotische Buchstaben aussahen, die jedoch der Lutin nicht lesen konnte. Sie schienen aus Gold zu bestehen und sich je nach Blickrichtung zu verändern.

 

Dieselben Schnörkel befanden sich auch an den Wänden des großen Ganges.

 

Amandino konnte nicht mehr. Er wollte zwar nicht mit einer nassen Hose vor den Fürsten treten aber wenn alles so eilig war, dann konnte er auch nichts dafür. Es musste einfach sein, denn lange würde es nicht mehr gut gehen. Nach ungefähr zwanzig Metern blieb Kreorat plötzlich stehen und zeigte nach links.

 

» Die Waschräume für das Koboldpersonal befinden sich den Gang hinunter, die Zweite Türe auf der rechten Seite. Nicht bummeln! «

 

Der Lutin ließ ein erleichtertes » Endlich! « hören. So schnell rannte er sonst nur, wenn es Essen gab. Nach etwa dreißig Schritten hatte er den angegebenen Raum erreicht. Die Türe hatte keinen Griff, der erwies sich auch als unnötig, denn sie öffnete sich von selbst sobald er sie berührte. Lautlos schwangen die schwarzen, steinernen Türflügel zurück und gaben den Blick frei auf einen Waschraum. Aber nicht irgendeinen.

 

Alles war mit schwarzem Granit getäfelt, die Wasserrohre bestanden aus einem gelblichen Metall, vielleicht Gold. In der Mitte der Decke befand sich ein runder, großer Barinstein, der alles gut ausleuchtete. Es plätscherte beständig, und es roch nach Feuchtigkeit und, er konnte es kaum glauben, nach frischen Blumen. In etwa zwei Metern Höhe verlief ein Relief an den Wänden entlang, dass Koboldarbeiter bei ihren täglichen Aufgaben zeigte. Weiter hinten gab es auch noch verschließbare Kabinen deren Zweck unmissverständlich war. Es war beeindruckend und ließ den Fürsten als offensichtlich guten Herren erscheinen.

 

» Das sollten die Dienstbotenräume sein? Vielleicht sollte ich um eine Anstellung bitten? «

 

Amandino musste seinen Blick mit Gewalt losreißen. Er hatte sich zu beeilen, damit kein Unglück geschah.

 

 

 

Als er zu Kreorat zurückkehrte wirkte er wesentlich entspannter.

 

Der kleine Gast hatte natürlich, wie sich das gehörte, die Hände gewaschen, denn auch dafür standen Becken aus Granit in Koboldgröße bereit durch die ständig Wasser floss.

 

Der weitere Weg war schon viel gemütlicher und Amandino hatte jetzt mehr Gelegenheit die Umgebung zu betrachten. Überall befanden sich diese geschwungenen Linien und alle Gänge und Räume, durch die sie kamen, waren von gelben Barinsteinen erleuchtet. Die Festung schien wenige Bewohner zu haben, denn es begegnete ihnen niemand auf dem Weg zu den Gemächern des Fürsten Verteron.

 

Als der Minotaurus schließlich stehenblieb hatten die beiden eine runde, ungefähr zwei Troll-Längen breite Türe aus einem glasartigen, schwarzen Material erreicht auf der ein aus feinen Linien bestehender, silberner Drache eingraviert war. Anstelle seiner Augen waren Rubine eingefasst. Das war die Arbeit eines Meisters. Amandino erkannte das, denn sein Vater und seine Zwillingsschwester hatten mehrere Jahre als Feinschmiede gearbeitet und dafür hätten sie sicherlich einige Monate gebraucht, ohne die Oberflächenstruktur. Wenn sie es überhaupt geschafft hätten, denn die Schnörkel waren teilweise so fein, dass man sie mit bloßem Auge kaum noch erkennen konnte. Die Arbeit eines Mauslings konnte es aber auch nicht sein, denn der hätte wahrscheinlich sein ganzes Leben an dem Stück gearbeitet. Die Tür hatte auch noch eine andere Besonderheit, wie sich herausstellte. Sie öffnete sich nicht nach Innen oder nach Außen, sondern sie verschwand zur Seite in den Felsen. Keiner, auch nicht der Minotaurus hatte sie berührt.

 

» Na los, rein mit dir! «

 

Der Lutin setzte sich in Bewegung. Als er die Schwelle überschritten hatte schloss sich die Türe wieder. Es war stockfinster in dem Raum, aber das blieb es nicht. Zuerst erhellten sich die Barinsteine an der Decke. Sie waren wie die Sterne am Nachthimmel angeordnet. Amandino glaubte zunächst er wäre draußen und sähe zum Himmel hinauf, bis es unter seinen Füßen zu leuchten begann. Das Licht breitete sich aus, lief über die Wände und den Boden. Als es die gegenüberliegende Wand erreichte erlosch es. Zurück blieb das fahle, goldene Leuchten der Glyphen an den Wänden. Man konnte jetzt leidlich sehen. Es war eine Halle in der sich Amandino befand. Sie war etwa dreißig Meter lang. Die Decke mit den „Sternen“ wurde von sechs Säulen gestützt, die ebenfalls mit Schnörkeln bedeckt waren. Am anderen Ende erhob sich eine Empore. Es waren drei Stufen. Auf der obersten Stufe stand ein Stuhl aus Obsidian und darauf wiederum saß ein Mann. Er trug eine dunkelgraue Robe und sein Gesicht war von einer Kapuze bedeckt. Als der Mann sprach hallte seine Stimme von den Wänden wieder. Es war eine angenehme, leichte Stimme, genauso verschnörkelt, wie die Glyphen and den Wänden. Die Stimme eines Barden.

 

» Bitte komm näher, mein kleiner Gast. Ich möchte dich betrachten. Wir haben so selten Besuch. Erzähl mir von der Oberfläche. «

 

Amandino trat unsicher ein paar Schritte näher. Der Fürst winkte auffordernd. Der Lutin machte noch ein paar Schritte. Obwohl die Halle unheimlich war wusste er, dass er nichts zu befürchten hatte. Es war so ein Gefühl, mehr nicht. Nach ein paar weiteren Schritten wurde er selbstsicherer. Er richtete sich gerade und blieb schließlich ein paar Meter vor der Empore stehen. So sehr er sich auch anstrengte, er konnte nicht den Hauch eines Gesichtes innerhalb der Kapuze erkennen obwohl er zumindest einen Umriss hätte sehen müssen.

 

» Ich spüre, dass du etwas für mich hast. Bitte gib es mir. «

 

Woher wusste der Fürst von der Seite? Wieder etwas unsicherer wühlte Amandino in seiner Provianttasche herum bis er schließlich die Seite gefunden hatte. Es kostete Überwindung das seltsame Blatt anzufassen. Es wirkte irgendwie lebendig, fasst als berühre man einen Fremden. Seine Nackenhaare sträubten sich aber er schaffte es schließlich das Pergament zu entfalten, das von feinen wunderschönen Buchstaben bedeckt war. Der Verfasser hatte eine rötliche Tinte verwendet. Die Buchseite, die offenbar fein säuberlich herausgetrennt worden war wurde von einem Lufthauch aus seinen Fingern gerissen und glitt lautlos direkt in die Hand des Vermummten. Dieser studierte die Muster aufmerksam. Nach einer Weile, die dem Lutin wie mehrere Stunden vorkam, erhob Fürst Verteron erneut die Stimme.

 

» Woher hast du Das? «

 

Der Lutin antwortete leise. Trotzdem gab es ein zaghaftes Echo.

 

» Das ist eine lange Geschichte. «

 

» Ich habe Zeit … «

 

Verteron deutete auf einen Rosenbusch in der Ecke der Halle, der Amandino bisher offenbar entgangen war. Eine einzelne, große, dunkelrote Rosenblüte hatte es sich dort in der Mitte bequem gemacht.

 

» Hier steht die Zeit fasst still. Diese Rose blüht schon sein mehr als hundert Jahren. Du musst keine Angst haben, dass du etwas verpasst. Es ist ein Ort des Friedens aber auch der Stagnation. Wir hören so selten Neuigkeiten und noch viel seltener gute Geschichten. Bitte setz dich und mach es dir gemütlich. «

 

Der Fürst von Finstersee deutete nun hinter den Lutin. Als der sich umdrehte lagen dort allerlei Kissen. Davor stand ein niedriger Tisch auf dem Obst und andere Speisen angerichtet waren. Das musste Amandino wohl auch übersehen haben. Er sah noch einmal zu seinem Gastgeber hinüber, der nur auffordernd nickte. Woher sollte das Alles gekommen sein? Es war ihm egal. Er machte es sich auf mehreren Kissen bequem und vergrub seine Zähne in einer besonders großen Birne, die ihn schon die ganze Zeit so nett angelächelt hatte. Verteron wartete geduldig. Als Amandino schließlich mit nicht mehr als vier Bissen die dicke Frucht verdrückt hatte schien es ihm an der Zeit ein wenig gesprächiger zu werden, bevor er noch Ärger bekam.

 

Er dachte noch kurz über den Rosenbusch nach. Kurz bevor er zu dem Schluss kommen wollte, dass dem Fürsten wohl die Höhlenluft nicht gut tat, bemerkte er einen Wassertropfen, der vor seinem Auge verharrte. Nein, so ganz stimmte das nicht. Bei genauem Hinsehen konnte man sehen, dass er sich tatsächlich bewegte. Er fiel, ganz langsam, nach unten. Dabei änderte er beständig seine Form. An der fasst stillstehenden Zeit musste also doch etwas dran sein, es sei denn mit seinem Kopf stimmte nicht alles. Amandino versuchte seinen Blick von dem unerhörten Tropfen zu lösen, der ihn frech anzugrinsen schien, aber es gelang ihm nicht. Als das Wasser schließlich, nach einer gefühlten Ewigkeit auf dem Boden ankam, zerstob es in viele winzige Perlen und verschwand vollständig. Ein kurzes Räuspern des Fürsten brachte den Lutin wieder zu Besinnung.

 

Er erzählte von seinem Zuhause, dass er zusammen mit seiner Familie, seinen Eltern, seinen Schwestern und seinen zwei kleinen Brüdern an der Grenze zu Finstersee wohnte. Er berichtete davon, wie sein Vater Nikodemus und seine Zwillingsschwester Amanda eine Arbeit in einer Mine Arkadiens angenommen hatten. Sie wollten das karge Auskommen der Familie vergrößern und nahmen deshalb eine weite Reise in Kauf. Es ging auch zunächst alles gut. Es gab regelmäßige Besuche und die Situation schien sich zu bessern. Bis plötzlich keine Nachrichten mehr kamen. Stattdessen traf ein Stück Pergament ein. Liza, seine Mutter, wusste nicht, was sie damit anfangen sollte und machte sich auf den Weg nach Arkadien. Aber auch sie blieb verschollen und so beschloss schließlich er, Amandino, der ansonsten nicht so für Abenteuer geschaffen war, der Sache selbst auf den Grund zu gehen.

 

Wenn man es genau nahm, war es seine Schwester Arla gewesen, die beschloss, dass er der Sache auf den Grund zu gehen hatte.

 

Anstatt jedoch denselben Weg wie seine Mutter zu nehmen, wollte er zunächst wissen was auf dem Pergament stand.

 

Eigentlich war auch das Arlas Idee gewesen, aber dass sagte er nicht. Schließlich hatte sie ihn ja geradezu aus dem Haus gejagt. Als ob er seine Eltern und seine „Lieblings-Schwester“ nicht auch finden wollte. Als ob er zu unnütz sei. Irgendwann wäre ihm diese Idee schließlich auch gekommen.

 

Da der Fürst von Finstersee als größter lebender Linguist Albenmarks galt war der Weg vorgezeichnet. Danach erzählte Amandino in allen Einzelheiten von seiner strapaziösen Reise zum Finstersee und seinen vergeblichen Versuchen die Mondlichtwand zu durchdringen.

 

So schlimm war die Reise eigentlich auch nicht gewesen aber schließlich erwartete der Fürst eine spannende Geschichte.

 

Als der fantasievolle Erzähler dann endlich mit seiner Erzählung geendet hatte, war er auch ein wenig stolz auf sich, denn er glaubte seinen Gastgeber gut unterhalten zu haben. Nur der Gedanke an seine Eltern und seine Schwester Amanda machte ihn traurig. Er glaubte aber nicht, dass ihnen etwas Ernsthaftes zugestoßen war, denn zumindest bei seiner Zwillingsschwester hätte er das gespürt. So war es immer gewesen.

 

Nach einer kurzen Pause beschloss der kleine Gast auch nach der Seite zu fragen, denn deshalb war er ja schließlich hier. Er nahm allen Mut zusammen.

 

» Darf ich fragen, was das für merkwürdige Buchstaben sind? Könnt ihr sie lesen? «

 

» Ja, das kann ich. Es sind abysinische Glyphen, ähnlich denen an den Wänden der Festung, nur das diese hier nicht auf Stein, sondern mit Blut auf Elfenhaut geschrieben wurden und zwar von einem Dämonenprinzen namens Asmodeus, dem Herrn der Neunten Sphäre. Die Seite stammt aus einem Folianten, der normalerweise Teil des Wissenshortes des siebten Arkanums ist. Dort werden allerlei verderbte Texte und Anleitungen gesammelt. Die meisten Bücher und Schriftrollen enthalten uraltes Wissen über verbotene magische Rituale. Der Dämonenprinz selbst hat das Arkanum erbauen lassen und es bindet einen Teil seiner Kraft. Was aber noch wichtiger ist: Keiner darf etwas aus den Hallen des Arkanums entfernen, sonst drohen ewige Qualen. Und glaube mir, diese Geschöpfe verstehen ihr Handwerk besser als jeder Andere. «

 

Zuerst dachte Amandino, dass Fürst Verteron einen Scherz machte aber ein Blick hinüber zu seinem Gesprächspartner überzeugte ihn vom Gegenteil. Sein Verstand konnte das Gesagte nicht so schnell verarbeiten und so sagte er nur:

 

» Ich verstehe das alles nicht! Was hat meine Familie damit zu tun? «

 

Der Herrscher von Finstersee war aufgestanden.

 

» Noch weiß ich das auch nicht aber ich werde es herausfinden. So lange würde ich mich über deine Gesellschaft freuen! Bleib doch bitte ein paar Tage. Bis dahin wissen wir mehr. Kreorat wird dich zu deiner Unterkunft führen. Fühle dich wie zuhause. «

 

Einen Augenblick später war der Fürst in einem Schatten verschwunden. Es sah so aus, als löse er sich einfach auf. Zur gleichen Zeit hatte sich auch die runde Türe wieder geöffnet und der Kammerdiener war hereingetreten.

 

» Komm schon, Kleiner. Ich zeige dir dein Zimmer. «

 

Amandino kam der Aufforderung zögernd nach. Draußen auf dem Gang versuchte er die eben gewonnenen Eindrücke zu ordnen, indem er leise vor sich hin murmelte.

 

» … Er ist einfach verschwunden, dabei hätte ich noch so viele Fragen. «

 

Obwohl er wirklich nur leise gesprochen hatte bekam er eine Antwort von Kreorat.

 

» Das macht er andauernd. Plötzlich verschwindet er und taucht ebenso plötzlich wieder auf. Irgendwann wirst du deine Antworten erhalten aber jetzt ist es an der Zeit sich auszuruhen. Wenn du möchtest kannst du die öffentliche Bücherei benutzen. Sie ist sehr umfangreich. Vielleicht findest du auch irgendwas über dein Problem dort. In der Bücherei gibt es keine unnützen Bücher, wie in der großen Bibliothek von Iskendria. Dort lagert allerlei Schund, den irgendwer mal irgendwo aufgeschrieben hat und sei es während dem Scheißen auf ein Stück Klopapier. Hier bei uns gibt es nur etwa hunderttausend Bücher und Schriftrollen, aber es sind alles Originale und wichtige Werke großer Autoren. Unter Anderem gibt es dort auch abysinische Texte und Bücher über Sphärenmechanik. «

 

» Woher wisst ihr davon? «

 

Der Minotaurus wirkte plötzlich verlegen. Er sprach leise weiter, fasst flüsterte er.

 

» Ich habe gelauscht. Ich war einfach zu neugierig, es tut mir leid. «

 

Der Lutin war dem Kammerdiener nicht böse, denn er hätte in der Situation ebenfalls nicht nur ein Ohr an die Türe gedrückt. Jedenfalls hatte er jetzt einen Anhaltspunkt um selbst ein paar Nachforschungen anstellen zu können. Er nahm sich fest vor, gleich nach einer kurzen Pause, diese ominöse Bücherei aufzusuchen und sich ein wenig zu belesen. Und wenn sie schon öffentlich war musste er sich noch nicht einmal hineinschleichen. Er begann diesen Ort zu mögen. Offenbar hatte man hier wesentlich mehr Freiheiten und Möglichkeiten als anderswo. Hier war nichts zu spüren von all der Geheimniskrämerei, die er von den Elfen gewöhnt war. Man durfte dies nicht, man durfte das nicht und als Lutin schon gar nicht. Kurz: Er fühlte sich so frei in diesen Hallen, wie sonst nur wenn er alleine die Umgebung des Hauses erkundete oder an seinem Lieblingsfluss angeln war und das obwohl er noch nie einen unheimlicheren Ort gesehen oder betreten hatte.

 

Das Zimmer, welches man extra für Amandino hergerichtet hatte war sehr gemütlich. Wie die meisten Räume hatten die unbekannten Baumeister auch diesen mit schwarzem Stein verkleidet. Überhaupt war fasst alles schwarz. Das Bett, ein sehr weiches und bequemes, bestand aus schwarzem Holz, ebenso die Kommode und der Schrank. Das Einzige, das diesem Trend entgegenlief waren die Schüssel und der Wasserkrug, sowie die Gläser auf der Anrichte. Erstere bestanden aus Silber, Letztere aus Kristallglas. Wie besprochen hatte Kreorat, den er eigentlich ganz nett fand, dem Lutin den Weg zur Bibliothek gezeigt und auch zu den Waschräumen und der Speisekammer, aus der man sich bedienen konnte. Nach ein paar Stunden Ruhe und einem Happen zu Essen wollte Amandino nicht länger warten. Er nahm sich noch ein wenig Proviant mit und begab sich zu den Studierzimmern, die an die Bücherei anschlossen.