Die Protagonisten3. Der astrale Spiegel
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Im dritten Teil der Winterrosen-Tetralogie begegnet Letaron zum ersten Mal seit Jahren wieder seinem Bruder "Geht-im-Zwielicht". Der Name ist natürlich Programm. :)
Der astrale Spiegel (Leseprobe)
Er lag auf dem Grund des Sees und spürte den weichen Schlamm unter sich. Geht-im-Zwielicht konnte den fahlen Schimmer des Mondes durch die Wasseroberfläche glimmen sehen, ebenso die Fackeln seiner Verfolger. Sie würde ihn nicht finden. Es war nur ein Argonier bei ihnen und der hatte sich geweigert bei Nacht tauchen zu gehen. Es wäre ihm auch schlecht bekommen, denn im Gegensatz zu Geht-im Zwielicht oder auch Sixtus Arcus, wie er in der dritten Legion genannt wurde, konnte er im dunklen Wasser nicht sehen, weder die dichten Wasserpflanzen noch die schlafenden Fische.
Der argonische Vampir musste unwillkürlich in sich hinein grinsen. Wie hilflos sie doch waren in der Nacht, wie verletzlich. Er würde noch ein wenig warten und dann an das östliche Ufer schwimmen. Dort gab es genug Gestrüpp, so dass sie ihn auch dort nicht sehen würden. Ein Khajiit hätte ihn vielleicht aufspüren können aber sie hatten keinen. Das war eigentlich schade, denn er hätte einen neuen Fellhelm gebrauchen können aber man konnte eben nicht alles haben. Wenn man es recht bedachte stand ihm Fell sowieso nicht. Die leichte Legionsrüstung, die er trug war da schon wesentlich kleidsamer. Zwar hatte er seinen Abschied nach dem Krieg genommen aber seine Ausrüstung hatte er behalten dürfen.
„Was für eine große Ehre“, dachte er angewidert. „Sie waren ja so großzügig!“
Glücklicherweise gab es noch andere Einkommensquellen. Das Beschaffen seltener Gegenstände brachte gutes Geld, für teilweise wenig Aufwand. Genug um die Suche nach dem Astralspiegel zu finanzieren, von dem er gerade ein Stück am Gürtel in einem kleinen Lederbeutel trug. Leider hatte der Spiegel den Exodus der Ayleiden nicht an einem Stück überstanden. So ein Pech! – Und vielleicht auch so ein Glück, denn sonst hätten diese gelehrten Trottel möglicherweise schon früher seine wahre Bedeutung erkannt. So blieb es ihm, Geht-im-Zwielicht, vorbehalten das gute Stück wieder zusammenzusetzen.
Er wartete noch ein paar Minuten und schwamm dann los. Wie erwartet hatten seine Verfolger aufgegeben und waren verschwunden.
Sixtus wollte lieber den direkten Weg zurück zu seinem Unterschlupf nehmen, mitten durch den Wald und an der Flanke des Berges vorbei.
Geht-im-Zwielicht hatte schon gut zweitausend Mannslängen zurückgelegt, als er an einem einsamen Hof vorbeikam. Er hatte ihn auch auf seiner Hinreise schon bemerkt, hatte aber davon abgesehen den Leuten einen Besuch abzustatten. Er beschloss es auch diesmal so zu halten als sich etwas regte.
Eine junge Nordfrau hatte das Haus verlassen und ging in Richtung des Fischteiches, der zum Hof gehörte.
Er sah sie deutlich. Er hörte sie und roch sie ebenso. Ein widernatürlicher Drang, den er schon zu oft vorher gespürt hatte begann seine Gedanken zu verwirren. Sollte er nicht doch noch ein paar Minuten bleiben und sich von ihr nähren. Das würde das Verlangen niederringen.
Geht-im-Zwielicht hörte deutlich den kräftigen Herzschlag. Die Krankheit gewann die Oberhand, wenn er sich nicht sofort umdrehte und ging. Aber er konnte nicht. Die junge Nord war mittlerweile bei dem See angekommen. Ohne es zu merken oder es auch nur zu wollen war ihr der Argonier gefolgt.
Langsam und etwas umständlich begann sie sich zu entkleiden. Sie wollte ein Bad nehmen, bevor die Arbeit begann - bevor die Sonne aufging.
Fasziniert wurde sie von zwei nachtsichtigen Augen gemustert. Geht-im-Zwielicht konnte jetzt deutlich das Blut durch ihre Adern und Venen pulsieren hören. Starkes, gesundes Nordblut. Ihr Herzschlag war regelmäßig und kräftig, obwohl die Frau ein wenig schmächtig gewachsen schien. Noch immer wollte er umkehren.
Sie hatte sich neben das Ufer gekniet und fuhr sich mit der Hand durch ihr nackenlanges, rötlich schimmerndes Haar. Dabei entblößte sie ihren Hals.
Der argonische Vampir konnte nicht anders, es war seine Natur. Schnell und lautlos schlich er sich von hinten an sein ahnungsloses Opfer und sprang es an. Noch bevor die Frau um Hilfe rufen konnte, hatte er ihren Kopf unter Wasser gedrückt. Sie wehrte sich verzweifelt. Mit den Armen rudernd versuchte sie ihren Kopf aus dem Wasser zu bekommen aber gegen die Kraft des durch zahlreiche Kämpfe gestählten Körpers Geht-im-Zwielichts hatte sie keine Chance. Mit einer einzigen Bewegung zog er ihre Arme auf den Rücken und band sie mit einem Lederriemen fest. Einen zweiten legte er um ihre Knöchel. Während der ganzen Zeit drückte er den Kopf der jungen, schmächtigen Nord weiterhin unter Wasser, so dass sie nicht schreien konnte.
Ein Holzknebel brachte sie zum Schweigen ehe er sie ganz aus dem Tümpel herauszog. Mit einem Ruck drehte er die sich immer noch wehrende Frau um. Entsetzen spiegelte sich in ihren blauen Augen, denn sie wusste, dass sie nicht entkommen würde. Sie zitterte heftig und wurde von einem Hustenanfall geschüttelt, der das Wasser aus ihren Lungen beförderte. Ihr Atem ging stoßweise.
Kräftiges, süßes Nordblut! Im Schein des untergehenden Mondes konnte er jede Vene erkennen, die unter ihrer Haut lag. Vor Allem die Halsschlagader trat deutlich hervor.
Die Gier nach einem Schluck von ihr ließ ihn fast besinnungslos werden. Er roch an ihrem Hals, seine rechte Hand fuhr ihren Rücken hinab über ihre Schenkel.
Früher hatte er sich nie etwas aus Nordfrauen gemacht, sie hatten keine Schuppen, waren viel zu weich für seinen Geschmack. Vielleicht hatte dieser Körper ja noch mehr zu bieten als ein kleines Nachtmahl. Interessiert betastete der Argonier ihre kleinen, festen Brüste. Wahrscheinlich war es die Kälte seiner Hand, die ihre Brustwarze steif werden ließ. Sie konnte kaum älter als zwanzig Sommer sein. Er würde kaum Mühe mit ihr haben. Sie war nicht sehr kräftig.
Mittlerweile hatte die Bauerntochter aufgehört sich zu wehren. Starr vor Schreck lag sie im Gras. Ein paar unverständliche Worte drangen unter dem Knebel hervor. Eine Träne rann über ihr Gesicht.
Der Vampir spürte eine selten gekannte Erregung in sich aufsteigen. Sein Herzschlag beschleunigte sich und seine Hände begannen leicht zu zittern. Erschreckt fuhr er zurück.
„Nein!“, hörte sich Geht-im-Zwielicht beinahe laut sagen.
„Ich bin ein Historiker, ein Gelehrter, vielleicht auch ein Krieger aber ich bin keiner, der sich an Wehrlosen vergreift“, dachte er. „Jedenfalls nicht mehr als unbedingt nötig.“
Mit Gewalt musste er das Verlangen niederringen, dass ihn dazu bringen wollte sich auf die Frau stürzen und sie erst zu vergewaltigen und danach zu töten.
Stattdessen setzte er sich sachte auf ihren Bauch, beugte sich nach Vorne zu ihrem linken Ohr und meinte: „Ich werde dir nichts tun aber ich brauche ein wenig von deinem Blut. Nur ein wenig. Du wirst es überleben, dich jedoch an nichts erinnern. Es tut nicht weh.“
Dann biss er zu. Der Körper der jungen Frau bäumte sich kurz auf, dann war Ruhe. Genussvoll trank Geht-im-Zwielicht einen halben, vielleicht einen dreiviertel Krug, danach hielt er inne. Tatsächlich hatte sein Opfer das Bewusstsein verloren.
Der Argonier zog seine Beute noch ein Stück an Land, löste die Fesseln, nahm ihr den Knebel heraus und trocknete sie ab. Die hübsche Nord sollte nicht krank werden. Er wickelte sie in ihr Kleid ein und ließ sie dann liegen, nicht ohne ihr einen Saphir in die Hand zu geben, dessen blaues Strahlen dem ihrer Augen nicht unähnlich war.
Die Sonne würde bald aufgehen und sie wärmen.
Für ihn allerdings verhieß die aufgehende Sonne nichts Gutes und so machte er sich eilig auf den Weg zurück in sein Versteck.
Der Rest der kurzen Reise verlief ohne Zwischenfälle. Eine kleine Kletterpartie brachte ihn direkt zum Eingang des ehemaligen Wegelagererverstecks. Ehemalig deshalb, weil die letzte Besetzung einen kleinen Unfall in Form von zwei Vampiren, einer Rothwardonin und einem Ork-Krieger erlitten hatte.
Die beiden Vampire waren er selbst und Elisea Severus Optimus, seine Schülerin und ausgestoßene Angehörige der mächtigen Optimus-Familie, der Ork hieß Groum-gro-Morak. Geht-im-Zwielicht hatte ihn angeheuert um am Tag über sie zu wachen und sie bei Unternehmungen aller Art zu unterstützen. Der grünhäutige Hüne stammte aus einer Festung südlich von hier und war alles andere als billig aber dafür äußerst effektiv, wie es sich bei den Banditen gezeigt hatte. Ursprünglich hatte ihre Zahl bei sechs gelegen. Mittlerweile konnte man noch drei zählen. Einer hatte sich bei dem Kampf um die Höhle verabschiedet, die anderen beiden litten seit Kurzem an chronischer Blutleerheit, was sie letztendlich auch dafür gesorgt hatte, dass sie die Radieschen von unten betrachteten.
Drei standen noch zur Verfügung und waren nur ein wenig gebraucht. Ein schlechtes Gewissen ob seiner abgrundtiefen Manieren hatte der argonische Vampir nicht, denn schließlich hatten sich diese Leute ein Leben ohne Gesetze ausgesucht und wer anderen keine Gnade zuteilwerden ließ, der konnte auch selbst kein Pardon erwarten. Im Grunde handelte sich auch um eine Form von Gerechtigkeit, wenn man sich auch über die Umsetzung streiten konnte.
Bei der Rothwardonin handelte es sich um eine junge Kriegerin mit dem Namen Janeira. Sie hatte mit ihm in der Legion gedient und hinterher beschlossen bei ihm zu bleiben. Sie war die einzige, der er wirklich vertrauen konnte.
Ganz in Gedanken versunken bemerkte er nicht, wie ihm eine große, breitschultrige Gestalt in den Weg trat. Es war Groum.
„Die Parole!“, fragte dieser grinsend.
Sixtus Geht-im-Zwielicht konnte sich natürlich nicht an eine Parole erinnern, denn es gab keine. Wieder einer von den merkwürdigen Scherzen des Ork. Der Argonier spielte mit, er hatte ja auch nichts anderes vor.
„Ich kann mich nicht recht erinnern aber wenn ich dir die Rübe abbeiße und sie da drüben in den Eimer spucken kann … – Könnte ich dann eintreten?“
Ein ohrenbetäubendes Lachen erschütterte die Höhle. Etwas Gesteinstaub rieselte herab und landete auf dem kahlen Schädel des Orkkriegers.
„Komm schon rein, Boss! Aber vorher die Füße abtreten, ich habe gerade frisch gewischt.“
Er freute sich zuhause zu sein und vor Allem in Sicherheit. Zuhause, das war ein merkwürdiges Wort, voller Assoziationen. Er dachte an seine Zeit als Historiker in Schwarzrose. Hier hatte er von dem astralen Spiegel der Ayleiden erfahren, einem unheimlich mächtigen Artefakt mit dem es möglich sein sollte in die Vergangenheit und auch in die Zukunft zu sehen. Offenbar hatte es den Wildelfen seinerzeit nichts genutzt, wie ihr Schicksal überdeutlich bewies oder ihr Untergang war schlicht und ergreifend unumgänglich gewesen. Wer wusste das schon so genau. Möglicherweise ließ sich dieses Rätsel ja ebenfalls mit dem Spiegel ergründen, sobald er vollständig zusammengesetzt vor ihnen lag.
Er ging geradewegs zu seinem „Studierzimmer“ hinüber ohne auf Elisea zu achten, die Mal wieder damit beschäftigt war mit dem Essen zu spielen. Man konnte auch sagen, dass sie ein sadistisches Vergnügen daran fand die Gefangenen zu misshandeln aber Geht-im-Zwielicht hatte nicht noch einmal Lust darüber zu diskutieren, gerade weil er nichts für diesen Abschaum übrig hatte.
Wie viele Unschuldige hatten diese Leute schon auf dem Gewissen. Sicherlich nicht wenige, denn nachdem sie die Höhle eingenommen hatten fanden die vier „Kopfjäger“ mehrere nicht mehr zu identifizierende Leichen im hinteren Teil des natürliche Stollensystems vor. Einige davon mussten entsetzlich gelitten haben.
„Jeder zahlt seinen Preis.“, dachte Sixtus Arcus, während er den Splitter auspackte und auf den Tisch legte. „Jeder!“
Der astrale Spiegel selbst war unscheinbar, oval geformt, etwa eine Elle lang und eine dreiviertel Elle breit. Die Fassung in der er ruhte hatte jedoch zahlreiche Verzierungen erhalten und bestand aus Weißgold. Sobald er den Splitter in die Fassung legen würde, würde dieser sofort mit den anderen, die sie bereits gefunden hatten ineinanderfließen und seinen ursprünglichen Platz einnehmen. Doch dieser Splitter sollte gar nicht an seinen Platz, vielmehr war er als eine Art Rückversicherung gedacht. Deshalb steckte er ihn in eine kleine Kiste und ließ diese unter dem Tisch verschwinden. Wenn ihn nicht alles täuschte, dann würde es bald soweit sein.
Als Nächstes musterte er die Landkarte. Sie befanden sich in der Nähe von Rifton, im südöstlichen Teil Himmelsrands. Die beiden letzten Splitter waren ganz in der Nähe. Der Eine befand sich im Besitz der Schwarzdorn-Familie und wurde auf einem ihrer Güter verwahrt, der Andere …
Geht-im-Zwielicht musste unwillkürlich grinsen, als er an den Zweiten dachte. Dabei kritzelte er mehrere Koodinatensätze in sein Notizbuch. Am Ende würden einige sehr zufrieden sein und ein paar Leute weniger bis überhaupt nicht.
Ein leises Tappen hinter ihm ließ ihn herumfahren. Es war Janeira. Sie hatten zusammen gegen die Altmer gekämpft und sich mehr als einmal gegenseitig das Leben gerettet. Damals war Geht-im-Zwielicht natürlich noch kein Blutsauger gewesen. Trotzdem hatte sich die Rothwardonin dazu entschlossen ihm bei seiner Suche nach den Teilen des Spiegels behilflich zu sein.
Sie machte ein besorgtes Gesicht.
„Kannst du nicht mit Elisea reden? Es ist doch nicht nötig Totgeweihte auch noch zu verspotten und zu misshandeln, ganz zu schweigen von den anderen Ideen, die sie teilweise hat. Ich an deiner Stelle würde sie töten, solange es noch einfach ist.“
Ehrlich währte ja bekanntlich am längsten. Dennoch flüsterte er die Antwort.
„Das würde ich auch aber wenn sich schon einer bei den Daedra unbeliebt macht, dann möchte nicht ich das sein. – Hast du das Phylakterion sicher verwahrt?“
„Ja, es ist an einem sicheren Ort. Bist du auch sicher, dass es keinen anderen Weg gibt. Es sind so viele Zufälle nötig …“
„… keinen, der glaubwürdig wäre. Außerdem habe ich an alles gedacht. Mach dir keine Sorgen. Komm nur pünktlich wieder zurück.“
„Ich bin immer pünktlich. Glaubst du, dass sie zusammenarbeiten?“
„Es gibt keine andere Möglichkeit. Es muss so sein. Wenn man sich mit Gesindel einlässt…“
Sixtus ließ den Satz unvollendet und starrte an Janeira vorbei nach draußen. Plötzlich fing er zu schreien an, was die sehr stille Rothwardonin zusammenzucken ließ.
„HE, ELISEA! LASS SIE IN RUHE! WIE OFT MUSS ICH ES DIR NOCH SAGEN! SPIEL NICHT MIT DEM FRÜHSTÜCK!“
An Janeira gewandt fuhr er wesentlich leiser fort.
„Zufrieden? Keine Sorge, es ist bald vorbei. Wahrscheinlich morgen.“
„Werden sie keinen Verdacht schöpfen wenn sie mich dort nicht vorfinden?“
„Sie sind viel zu gierig um überhaupt etwas zu bemerken. Vertraust du mir?“
Sie antwortete ohne zu zögern.
„Ich würde dir mein Leben anvertrauen. Vampir oder nicht.“
Damit war alles gesagt. Natürlich dachte die blasierte Vampirlady Elisea gar nicht daran ihren Zeitvertreib einzustellen. Glücklicherweise ging gerade die Sonne hinter den Bergen auf und tauchte das ganze Tal in glühendrotes Licht.
In der Abenddämmerung würden sie alle gemeinsam, außer Groum, denn der sollte auf die Gefangenen aufpassen, zu diesem Gut aufbrechen aber zuvor war es für die Kinder der Nacht Zeit zu ruhen.
Auch wenn sie nicht im Sonnenlicht zerfielen, so brannte es doch mit der Zeit hässliche Narben ins Fleisch der Vampire und da war die Nacht sowieso viel besser geeignet um die Schwarzdorns zu bestehlen, also ein guter Kompromiss für Blut- und Biertrinker.
