1. Ein Fall von Schwarz
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(Hier trifft man das erste Mal auf Letaron oder auch "Der-den-Wind-fängt", einem argonischen Ermittler im Auftrag der Akademie von Winterfeste. Zunächst sucht er den Mörder eines Grafensohnes. Er ahnt nicht, dass noch viel mehr dahinter steckt und dass er es mit einem siebenhundert Jahre alten Geist zu tun bekommt.)
Ein Fall von Schwarz (Leseprobe)
Es war frostig auf dem westlichen Turm von Burg Caldaron. Der Wind trieb, wie üblich in diesem Teil der Welt, Schneeflocken vor sich her. Immer wenn er seine Richtung änderte landete eine Hand voll davon im Gesicht Letarons. Der eisige Hauch fuhr einfach durch seine Robe, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen. Lange würde er es hier nicht aushalten. Er wünschte sich, dass er nicht von zu Hause weggegangen wäre, damals vor ungefähr zehn Jahren. Schwarzmarsch war um so vieles angenehmer als das hier. Den Nord schien das Wetter beinahe nichts auszumachen. Einige von ihnen legten sich fast nackt in eisige Pfützen und nannten es Abhärtung.
Es war ein langer Weg hierher gewesen, ein endloses Auf und Ab. Letaron, der eigentlich mit richtigem, argonischen Namen „Der-den-Wind-fängt“ hieß, weil er als Kind immer sehr lebhaft war, blickte sich suchend um. Nach dem Tod des Grafensohnes waren nun zwei Tage vergangen. Eigentlich zu viele um noch brauchbare Spuren zu finden. Je länger er sich die Brüstung des Wehrturmes ansah, desto überzeugter war er, dass es sich um Mord handelte. Der massive Turm hatte gewaltige Mauern mit einer zwei Ellen dicken und drei Ellen hohen Brüstung. Wenn sich der Argonier streckte und mit beiden Händen an den Rand griff, dann konnte er sich vorziehen und darüber spähen. Das war allerdings nur mit großem Kraftaufwand möglich. Durch Zufall konnte dort keiner hinunterfallen. Was hatte der Sohn des Grafen hier oben überhaupt gemacht? Sicherlich nicht die Aussicht bewundert, denn wie üblich lag Nebel um die Burg und man konnte froh sein den Boden zu erkennen.
Hundert Ellen war der Turm hoch. Das bedeutete, sofern man hinab fiel, den sicheren Tod.
Kratzspuren an der Brüstung kennzeichneten die Stelle, an der sich der Zwischenfall ereignet hatte. Weiter gab es nichts zu sehen, außer natürlich Schnee. Letaron beschloss nun den Fundort der Leiche in Augenschein zu nehmen, denn hier war er fertig.
Wenn es sich tatsächlich um Mord handelte, dann gab es natürlich die üblichen Verdächtigen. Allen voran die Familienmitglieder des Grafenhauses. Selbstverständlich mussten diese es nicht selbst gewesen sein, denn es gab noch mindestens zwei Dutzend Diener und Köche, eine Hand voll Wachleute und einen khajiitischen Stallburschen. Der Argonier ging davon aus, dass es sich um ein gewöhnliches Verbrechen handelte, wie es jeden Tag überall in der Welt vorkam. Vermutlich war es wie immer Gier oder Eifersucht. Sicherlich hatte ihm deshalb der Erzmagier die Untersuchung des Falles überlassen. Er war ein Neuling, ein Adept und obwohl er schon früher eine kurze arkane Ausbildung hatte, immer noch eher mittelmäßig.
Es wurde, so dachte Letaron jedenfalls, von ihm erwartet in seinem Abschlussbericht einen Unfall als Todesursache auszuweisen. Danach würde die Akademie von Winterfeste ihr Geld vom imperialen Magistraten erhalten und alles wäre in Ordnung.
Der Adept ging zusammen mit dem Wachmann Uleff, der ihm als Ordonanz zugeteilt war, hinunter in den Hof. Dort war zurzeit nicht viel los. Solange es derart impertinent schneite zogen es die meisten Angestellten, sowie auch die Grafenfamilie vor, drinnen zu arbeiten.
Die beiden verließen die Burg über die Zugbrücke und gingen rechts die Mauer entlang, bis sie an die Stelle kamen, an der der Verstorbene aufgeschlagen sein musste. Aufgrund der heftigen Kollision mit den Felsen gab es auch noch Spuren. Der Stein war abgeplatzt und auch hier gab es Kratzer, vermutlich von der Rüstung des Opfers. Alles war voll von getrocknetem Blut. Da der Wind von Norden blies, war hier kaum Schnee liegengeblieben.
Letaron konnte sogar noch ein paar winzige Knochensplitter finden.
Ja, alles schien plausibel zu sein. Er war vom Turm „gefallen worden“ und kam hier zum Liegen. Der Argonier wollte sich gerade zum Gehen wenden als ihm noch eine Kleinigkeit auffiel. Das Blut war an einigen Stellen nur leicht angetrocknet. Nach zwei Tagen in dieser Kälte und bei dem Wind hätte es aber bretthart gefroren sein müssen.
Entweder war es noch keine zwei Tage her oder es handelte sich nicht um gewöhnliches Blut. Vorerst wollte er seine Entdeckung für sich behalten, denn der Wächter begann bereits neugierig zu werden.
„Was habt Ihr?“
Letaron gab sich alle Mühe unschuldig auszusehen.
„Ich dachte nur ich hätte einen Speitäubling gesehen. Das ist ein seltener Pilz. Man braucht ihn für allerlei alchemistische Experimente. – Leider habe ich mich getäuscht. Wir sollten zurückgehen, bevor noch jemand erfriert und dieser jemand werde vermutlich ich sein.“
Uleff schien nicht ganz zufrieden, denn er stellte die alles entscheidende Frage:
„Nun, was meint Ihr? War es ein Unfall?“
Letaron hatte bemerkt, dass sich die rechte Hand des Wachmannes langsam und wie zufällig zum Griff seiner Waffe bewegte. Dennoch drehte er ihm demonstrativ den Rücken zu um möglichst ahnungslos zu wirken. Jetzt war noch nicht der richtige Augenblick für eine Auseinandersetzung.
„Ich denke es ist beinahe klar, dass der Verunglückte versehentlich ausrutschte. Ich werde mich nur noch mit ein paar mutmaßlichen Zeugen unterhalten und dann den Fall abschließen.“
Aus den Augenwinkeln heraus nahm der Argonier zufrieden wahr, dass Uleffs Hand sich wieder in Richtung Gürtel zu bewegen begann. Der Kerl wusste mehr als er sagte und hatte offenbar den Auftrag für einen weiteren Unfall zu sorgen, wenn das Urteil nicht wunschgemäß ausfiel. Einen Auftraggeber musste es geben, denn der nordische Hühne hatte keinen ersichtlichen Vorteil vom Tod des jungen Grafen. Der Wachmann nicht! Ein paar andere aber schon!
Letaron mochte keine Aristokraten: Grafen, Barone, Fürsten und Jarls! Alles dasselbe dekadente Gewürm. Nur auf den eigenen Vorteil bedacht, ohne Skrupel andere für ihre Zwecke einzuspannen und wenn nötig hinterher fallen zu lassen wie heiße Kartoffeln. Er hatte schon viel erlebt in seinem jungen Leben. Letaron war Bettler, Schmied und Söldner gewesen, aber eines blieb immer gleich – die herrschende Schicht! Er musste würgen, wenn er daran dachte, dass diese Leute einen Großteil des Geldes verwalteten, welches so viel Leid hätte lindern können. Personen die nur sich selbst sahen, deren Denken sich vollständig nach innen richtete. Und seine Vorgesetzten waren nicht besser, wenn sie wegen ein paar Septimen einen Mord deckten. Er schwor sich, die Mörder zu finden und sei es nur um sie im Gefängnis verrotten zu sehen.
Er würde zuallererst eine Probe von dem Blut benötigen. Er konnte es aber im Moment nicht selbst beschaffen, denn der Wachmann ließ ihn keine Sekunde aus den Augen. Zögernd verließ er den Ort des Geschehens und folgte Uleff nach drinnen. Dort angekommen begab sich der Ermittler zu seinen Gemächern. Hier würde er alle seine Beobachtungen festhalten um nichts davon zu vergessen. Der stämmige Nord blieb draußen vor der Türe zurück.
Seine Unterkunft war gemütlich eingerichtet. Neben dem bequemen Bett stand eine Kommode. Es gab eine Schreibtisch und ein Regal mit einigen verstaubten Büchern. Früher als er noch auf der Straße lebte, so dachte der Argonier, wäre es purer Luxus gewesen überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben und heute residierte er in einer Burg.
Er dachte: „Glück gehabt, mit einigem gesunden Menschenverstand gesegnet zu sein!“
Letaron begann seine Beobachtungen zu notieren. Die Feder huschte über das Papier, bis er plötzlich innehielt. War da nicht ein Geräusch? Ein Lufthauch?
Suchend blickte er sich um, sah aber nichts. Er bereitete sich darauf vor eine magische Barriere zu erzeugen und seinen Gegner einzuäschern.
„Kommt heraus und zeigt euch, Mordgesindel!“
Der Novize hätte es nicht für möglich gehalten, dass dieser Aufforderung auch jemand nachkommen würde. Umso überraschter war er als es doch passierte. Aus dem Schatten in einer Ecke des Raumes trat ein Khajiit heraus. Trotz der Lumpen die er trug bewegte er sich geschmeidig und lautlos. Durch das fast schwarze Fell war er sehr schwer zu entdecken gewesen. Es war der Stallbursche des Grafen. Letaron hatte ihn bereits kurz kennengelernt als er hier eingetroffen war. Sein Name war Ja’Tos, soweit er sich erinnerte, der Name eines jungen und unerfahrenen Erwachsenen.
Der Katzenmann schien nervös zu sein, denn er schaute sich ständig um.
„Ich habe den Sturz beobachtet, Herr! Mir ist etwas aufgefallen. Der junge Graf bewegte sich nicht während er fiel und stürzte absolut lautlos in die Tiefe. Es war gespenstisch. Nur das Krachen des Aufschlages und das Zerspringen der Knochen war zu hören, wenn man meine Ohren hat.“
Letaron dachte nach. Ein derartiges Verhalten deutete auf eine Lähmung hin. Der junge Graf musste genau gewusst haben was mit ihm geschehen würde, als er über die Brüstung geschoben wurde. Er konnte allerdings weder schreien noch sich dagegen wehren.
„Wie grausam!“
„Ah, Ihr versteht!“
„Allerdings! Was hast du sonst noch beobachtet?“
„Nicht viel. Ich hatte im Stall zu tun und konnte mich dort nicht umsehen. Außerdem ist es kalt da draußen und wir Khajiit sind empfindlich gegen die Kälte!“
Hier bot sich eine Gelegenheit die der Argonier zu ergreifen gedachte. Zwar war der Stallbursche eine zwielichtige Gestalt aber im Moment konnte er sowieso niemandem trauen und dann war dieser hier genauso gut wie jeder andere.
„Interessiert es dich, wer den Grafensohn ermordet hat?“
„Natürlich tut es das! Jeden interessiert was vorgefallen ist aber niemand traut sich zu fragen! – Die Wachen!“
„Ich brauche eine Probe von dem Blut, das sich am Ort des Aufschlages befindet. Würdest du mir ein klein wenig davon bringen?“
Der junge Khajiit überlegte. Es schien ihm nicht leicht zu fallen eine Entscheidung zu treffen und so beschloss Letaron etwas nachzuhelfen.
„Welche Bedenken quälen dich?“
Ja’Tos suchte nach den richtigen Worten. Offenbar wollte er nicht in einen Konflikt geraten, der ihm das Lebenslicht auslöschen konnte.
„Es ist gegen den ausdrücklichen Befehl des Grafen. Keiner der Angestellten soll sich in die Ermittlungen einmischen.“
„Aber sicherlich ist auch der Graf daran interessiert die Wahrheit zu erfahren, oder?“
Der Katzenmann druckste noch ein wenig herum aber Letaron wusste, dass er einen Gehilfen gefunden hatte. Einen der sich praktisch lautlos bewegen und fast überall hin konnte, da er absolut unauffällig war.
„Wie Ihr wünscht, Herr! Ich mache mich sofort auf den Weg und bin in ein paar Minuten wieder zurück!“
Ja’Tos wollte sich gerade umdrehen und gehen als dem Argonier noch ein anderes Rätsel wieder in den Sinn kam.
„Du hast mir noch nicht gesagt wie du in mein Zimmer kommen konntest.“
„Verzeiht mein Anschleichen aber ich hielt es für besser nicht die Türe zu benutzen. Vor dem Fenster führt eine Ranke nach oben. Ich war bereits hier als Ihr eintraft!“
Das war vorerst eine ausreichende Erklärung. Vor dem Fenster hing tatsächlich ein merkwürdiges, vertrocknetes Gestrüpp herum, das durchaus einen leichten Khajiit tragen konnte. Wie er allerdings das Fenster aufbekommen hatte, das erklärte es nicht. Auch Ja’Tos wusste mehr als er zu sagen bereit war.
Der Kampfmagier warf einen Blick hinüber zu seiner Liegestatt. Daneben stand Eterna, sein treues Schwert. Es war eine zweihändige Waffe aus seiner Heimat, geschmiedet von einem Meister. Die vielfach gefaltete Stahlklinge war rasiermesserscharf. In Zukunft würde er sie immer griffbereit haben, nur für den Fall, dass sich noch andere in sein Zimmer „verirrten“. Glücklicherweise hatte er in seinen Zeiten als Söldner in Cyrodiil damit umzugehen gelernt.
„Mal sehen. Kommt Zeit, kommt Rat!“ dachte Letaron und widmete sich erneut seinen Aufzeichnungen.
Wenige Augenblicke später pochte es an die Türe. Es war Uleff.
„Graf Caldaron bittet zu Tisch, Ermittler!“
Man konnte einfach nicht in Ruhe zu Ende denken! Der arkane Novize hinterließ eine Nachricht für seinen Boten, in der Hoffnung dass dieser lesen konnte, und machte sich bereit zum Abendessen. Er wusch sich kurz und legte seinen Dolch auf die Kommode. Es war schließlich nicht üblich Waffen zur Tafel mitzubringen. Letaron betrachtete noch einmal den Siegelring mit dem kaiserlichen Wappen, den er vom Erzmagier für die Dauer seiner Ermittlungen erhalten hatte und ging dann in den Speisesaal, stets treulich begleitet von seinem Wächter. Im Moment hatte er die Autorität im Namen des Kaisers zu sprechen. Das würde aber im Ernstfall überhaupt nichts nützen, denn unverwundbar wurde er dadurch nicht. Da der Magistrat auch viel zu geizig war ihm ein paar Wachen mitzugeben, sollte er besser vorsichtig und diplomatisch sein. Es musste ja nicht jeder wissen dass er Lunte gerochen hatte.
Auf dem Weg in den Speisesaal kamen sie an der Ahnengalerie vorbei. Alle Vorfahren der Gräfin waren hier als Gemälde verewigt. Einer dieser Ahnen war ein mächtiger Nekromant gewesen, der den Namen Siegold Schwarzmantel getragen hatte. Tatsächlich war es ihm gelungen sein Leben erheblich zu verlängern. Nach über zweihundert Jahren war er dann plötzlich verschwunden. Schwarzmantel war nicht einfach gestorben wie jeder andere, er war wirklich verschwunden. Einfach so! Ein Leichnam wurde nie gefunden, was leichtgläubige Gemüter durchaus zu dem Schluss verleiten konnte, er sei noch am Leben. Dies war natürlich völliger Blödsinn, denn er verschwand vor über fünfhundert Jahren. In der Tat sah das Gemälde des Magiers ungewöhnlich lebensecht aus. Es musste von einem Meister geschaffen worden sein.
Die Familie des Grafen war ebenfalls äußerst suspekt. Praktisch jeder erwies sich, gelinde gesagt, als verdächtig. Der Graf selbst, der Octavius hieß, war ein eleganter Mann mit einem gut gestutzten Bart. Er verfügte über geschliffene Umgangsformen, was sich sicherlich auf die Tatsache zurückführen ließ, dass er aus Cyrodiil stammte und dort dem Hochadel angehörte. Seine Gemahlin Heragund entstammte einer nordischen Familie. Für ihre Herkunft war sie eine wirklich schöne Frau mit langen, goldenen Haaren und außergewöhnlich weichen Gesichtszügen. Die Gräfin sprach nicht viel, was sie für Letaron besonders sympathisch machte. Ganz im Gegensatz dazu stand ihr Bruder, der immerzu redete. Bei Hildolf, so sein Name, handelte es sich darüber hinaus um eine ausgesprochene Frohnatur. Zu seinen Lieblingsbeschäftigungen gehörte es sich mit den weiblichen Hausangestellten zu beschäftigen und literweise Nordwein zu konsumieren, was seiner Stimmung nur noch zuträglicher war. Meist nahm er gar nicht an den Zusammenkünften der Familie teil, da er betrunken in seinem oder in irgendeinem anderen Bett lag.
So auch diesmal. Außer dem Grafen und seiner Gemahlin war noch der Burgvogt Gaius Cassius anwesend sowie die dunkelelfische Adoptivtochter Celvina. Wie üblich trug sie einen langen, dunklen Mantel ohne jeglichen Schmuck. Sie mied den Ermittler und wechselte nur die nötigsten Worte mit dem Rest der Familie.
Letaron setzte sich auf seinen Platz am unteren Ende der langen Tafel. Seine Hand glitt in die Tasche seiner Robe und strich über die Viole mit Gegengift. Es war ein Universalmittel, welches die gängigsten Intoxikationen neutralisierte. Bei Grafen und Burgvögten, sowie zwielichtigen Dunkelelfen musste man schließlich mit allem rechnen. Der Argonier plante nicht, es ihnen so einfach zu machen. Wenn sie ihn loswerden wollten, mussten sie sich schon etwas Besonderes einfallen lassen.
Als das Mahl aufgetragen wurde ließ er sich deshalb auch nicht zweimal bitten und aß voller Genuss.
Bis zum letzten Gang wurde wenig gesprochen und wenn dann nur belangloses Zeug, das keinerlei Rückschlüsse auf die wirkliche Meinung des Sprechenden zuließ. Ganz so wie er es sich gedacht hatte. Es handelte sich um ein sorgsam einstudiertes Stück, routiniert vorgetragen von geübten Schauspielern. Letaron wurde beinahe schon wieder ärgerlich. Glaubten diese Schmierenkomödianten dass sie ihn täuschen konnten?
Sein Zorn war schnell wieder verflogen als der Graf schließlich das Wort an ihn richtete. Wie üblich wirkte dieser völlig desinteressiert und arrogant. Der nächste Akt.
„Wie steht es um Eure Ermittlungen, Gesandter? Darf ich recht annehmen, dass sich keine Unklarheiten ergeben haben und Ihr uns demnächst verlassen werdet?“
Der argonische Magier tupfte sich betont affektiert den Mund mit einer Serviette ab, faltete sie sorgsam zusammen und legte sie auf den Teller bevor er genau so nichtssagend antwortete.
„Ich plane Eure Gastfreundschaft nicht über Gebühr zu beanspruchen, jedoch muss ich zunächst noch meinen Bericht schreiben und Eurer Lordschaft zum Gegenzeichnen übergeben. Das wird nicht mehr als ein paar Tage dauern. Danach kehre ich zur Akademie zurück und überlasse Euch und Eure Familie der Trauer über den kürzlich erlittenen Verlust.“
Das Gesagte schien dem Grafen nicht recht zu gefallen, denn es ging ihm wie üblich viel zu langsam. Deshalb nahm er auch den hingeworfenen Brocken dankbar auf. Komischerweise war von der erwähnten Trauer bis jetzt nicht viel zu sehen gewesen, dachte Letaron.
„In ein paar Tagen erst! Wisst Ihr überhaupt wie schwer es ist einen geliebten Sohn zu verlieren? Natürlich wisst Ihr das nicht! Und dann noch diese unerträgliche Schnüffelei. Wer kam nur auf die Idee dieses Unglück untersuchen zu lassen?“
Der Argonier tat so als müsse er überlegen, was natürlich nicht der Fall war. Es gefiel ihm nur, dass er diesen bornierten Adligen reizen konnte.
„Natürlich wissen Eure Lordschaft, dass ich die Hintergründe dieser Ermittlung nicht enthüllen kann und ich schreibe es Eurer Trauer zu, dass Ihr die Entscheidung des kaiserlichen Magistraten in Zweifel zieht! Wenn Ihr mich nun entschuldigen wollt! Ich muss einen Bericht fertigstellen!“
Letaron erhob sich von der Tafel und machte sich, ohne auf weitere Einwände zu achten, wieder auf den Weg zurück in sein Gemach. In der Tat hatte er sich auch schon gefragt, wer die Ermittlungen in Auftrag gegeben hatte. Die gräfliche Familie war es offenbar nicht gewesen. Sicherlich handelte es sich wieder einmal um das Übliche – der eine dieser adligen Schmierfinken gönnte dem anderen nicht den Dreck unter den Nägeln. Nur dass es diesmal wohl tatsächlich ein Mord war. Vermutlich bestand sowieso die Hälfte der Hausangestellten aus Spionen anderer adeliger Familien. Das war oft so üblich.
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