Katari

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Als Lieutenant Emily Cussak erwachte, blickte sie direkt in ein grelles Deckenlicht. Benommen richtete sie sich auf. Sie lag auf einer medizinischen Liege unbekannter Bauart. Sonst war der Raum leer. Nur das Licht, die Liege und sie selbst. Bloß ein leises Summen konnte sie wahrnehmen, was darauf hindeutete, dass sie sich in einem Gebäude, einer Station oder an Bord eines Raumschiffes befand, welches von einem schweren Reaktor oder einem Warpkern angetrieben wurde. Aufgrund ihrer Ausbildung, die sie erst vor wenigen Jahren abgeschlossen hatte, hörte sie eine geringe Abweichung der Phasenpuffer heraus. Sie unterdrückte den Impuls dies in Ordnung zu bringen und kletterte von ihrer Ruhestatt herunter. Noch etwas wackelig begab sie sich zum offensichtlichen Ausgang hinüber, einem sechseckigen Duraniumschott. Es öffnete sich nicht.
„Computer?“, rief Emily, erhielt jedoch keine Antwort.
„Hallo? Ist da jemand?“
Wieder nichts.
Sie strich ihre Uniform gerade. Was sollte das? Wie kam sie hierher? Wieso konnte sie sich an nichts erinnern als an ihren Namen, ihren Rang und noch ein paar weitere Details? Wo befanden sich die Erinnerungen an ihre Familie, Freunde, Vergangenheit? Hatte sie möglicherweise eine Verletzung erlitten, die zu einer partiellen Amnesie geführt hatte? Das würde erklären, warum sich die Türe nicht öffnete, denn schließlich konnte man einen Amnesiepatienten nicht überall frei herumlaufen lassen. Wo aber blieben die Ärzte oder das medizinische Personal?
Emily begann systematisch alles abzusuchen. Sie entfernte sogar eine der Panelplatten von der Wand um hineinzusehen. Alles sah vertraut aus aber nicht wie eine Anlage der Sternenflotte. Isolineare Leiter verliefen durch die Wände aber sie schienen keine Funktion zu besitzen, denn der Raum war ja beinahe leer. In einem Verteilerknoten waren Speicherkarten in allen erdenklichen Farben, fein säuberlich in einer Matrix angeordnet. Irgendwie erinnerte sie die ganze Aufmachung an ein Holodeck.
„Enta verdon Jarament Holoconn“, sagte sie instinktiv und es wirkte. Weder wusste Emily was sie da eben gesagt hatte noch warum aber das Hologitter wurde deaktiviert. Der Raum verschwand. Als sie nun vor den Ausgang trat öffnete er sich. Sie trat auf einen Gang hinaus, in dem die Farben rot und weiß dominierten. Auch das war nicht typisch für Einheiten der Föderation. Trotzdem strahlte auch hier alles eine tiefe Vertrautheit aus. Langsam und vorsichtig schlich sie den Gang entlang, bis sie erneut vor einem Schott stand, das sich nicht öffnete. Wo befand sie sich? Warum war niemand hier um sich um sie zu kümmern? Langsam wurde sie ärgerlich.
„Ich darf sie darauf hinweisen, dass die Entführung von Sternenflottenpersonal als kriegerischer Akt gewertet werden kann“, rief sie ohne eine Antwort zu erwarten. Und doch kam eine, wenn auch nicht so, wie sie es erwartet hatte. Das Schott öffnete sich und ein Wesen trat heraus, welches sie noch nie zuvor gesehen hatte.
Teilhumanoid und offenbar mit insektoiden Vorfahren, steckte es in einer goldenen Rüstung, an dessen Gürtel sich eine Waffe befand. Emily spiegelte sich in den großen Facettaugen des Insektoiden. Der Lieutenant erschrak. Was war das für ein Ding? Auch auf diese Frage bekam sie eine Antwort, denn es begann zu sprechen.
„Tenara, du bist wach. Was für eine Überraschung. Wie sieht es mit deiner Erinnerung aus?“
Wer zu Hölle war Tenara?
„Sie müssen mich verwechseln. Mein Name ist Lieutenant Emily Cussak, vom Föderationsraumschiff U.S.S. Altair, Akira Klasse. Dienstnummer 348662961.“
„Hm, so so. Ja, na gut. Mein Name ist Karro. Also wenn sie mir bitte folgen wollen, ähm Lieutenant. Ich bringe sie zu unserem Schöpfer. Er wird ihre Fragen beantworten. – Bitte hier entlang.“
„Gut, ein paar Antworten könnte ich gebrauchen.“
Das teilinsektoide Geschöpf mit dem Namen Karro ging voran und Emily folgte ihm. Sie gingen durch zahlreiche Korridore, benutzten eine Art Turbolift und gelangten schließlich in einen Kontrollraum von der Größe einer mittleren Konzerthalle. Die gesamte Anlage musste sehr groß sein. In der Mitte des Raumes saß ein humanoider Fremder auf einem Kommandosessel. Er trug einen Mantel mit Kapuze, so dass Emily sein Gesicht nicht sehen konnte. Er winkte ihr zu. Zumindest seine Hände, oder das was sie davon sehen konnte, waren menschlich. Mit einem komischen Gefühl kam sie näher heran.
„Sind sie der Kommandant dieser Station?“
Eine angenehme, ruhige Stimme antwortete ihr. Wieder hatte sie dieses Gefühl von Vertrautheit.
„Natürlich bin ich das. Wie es scheint sind deine Gedächtnisengramme bei deiner Reprogrammierung fragmentiert. Es wird eine Weile dauern, bis du sie wieder zusammensetzen kannst. Nimm doch bitte Platz und ich erkläre dir was hier vor sich geht. Sicherlich bist du schon neugierig, nicht wahr? Nenn mich Simon.“
„Ich muss zuerst mein Schiff kontaktieren um meinen Captain zu berichten und dann …“
„Das wird nicht nötig sein“, fiel ihr der Unbekannte ins Wort: „Dein Schiff wurde zerstört und du wurdest getötet.“
„Was?“
Emily fing an am Geisteszustand ihre Gegenüber zu zweifeln. Wenn sie tot war, dann konnte sie ja wohl kaum hier sitzen und sich unterhalten.
„Wenn das ein Scherz sein soll, so muss ich ihnen mitteilen, dass er nicht komisch ist. Ich werde jetzt mit meinem Captain sprechen und sie werden sich wegen Entführung verantworten.“
„Als Scherz würde ich die Sache nicht bezeichnen, vielmehr als tragischen Unfall. Wir hatten Glück, dass wir dich noch bergen konnten, bevor sich deine holografische Matrix zersetzte.“
„Meine holografische Matrix?“
„Ja, du wurdest hier in diesem Komplex erschaffen um mir ein paar wichtige Informationen zu beschaffen, dafür haben wir die Persönlichkeit von Emily Cussak erfunden. Sie wurde auf einer Außenrandkolonie der Föderation ausgesetzt um sich von dort zur Sternenflotte zu melden. Ihre Vergangenheit konnte nicht überprüft werden, denn die Aufzeichnungen wurden bei einem Piratenangriff zerstört.“
„So einen Quatsch habe ich noch nie gehört. Ich habe mindestens fünf genaue medizinische Untersuchungen hinter mir. Damals war ich noch ein Mensch.“
„Richtig, du wurdest genau sieben Mal während deiner Zeit auf der Akademie einem medizinischen Tiefenscan unterzogen, jedoch immer von demselben Arzt. Commander Dr. Norman Hope, von der medizinischen Abteilung der Sternenflotte. Er hat eine Vorliebe für Latinum und Frauen. Genau der richtige Mann für den Job. Vielleicht ist dir aufgefallen, dass du immer kurz vor Ablauf eines Jahres auf ein neues Schiff versetzt wurdest. Kurz bevor die medizinische Kontrolluntersuchung anstand.“
„Reiner Zufall. Leider kann ich mich ja nicht mehr erinnern, sonst könnte ich ihre Ausführungen sicherlich leicht widerlegen. Dieser ganze Aufwand nur um an Infornationen zu gelangen. Ich bin nur Lieutenant. Sie können mich auch wieder gehenlassen. Relevante Geheimnisse kenne ich nicht, weder Taktische noch Strategische.“
„Wir wissen ja schon lange alles, was für uns von Bedeutung ist. Im Moment geht es nur um die Wiederherstellung deines Gedächtnisses.“
Tatsächlich spürte Lieutenant Cussak, dass sich zumindest eine Teilwahrheit in den Ausführungen von Simon befinden musste. Natürlich glaubte sie nicht ein Hologramm zu sein aber sie glaubte sich an einen Zwischenfall im Maschinenraum der ALTAIR zu erinnern, bei dem der Warpkern ausgestoßen werden musste. Sie beschloss vorerst mitzuspielen, etwas anderes schien ihr im Moment zumindest wenig ratsam zu sein.
„Wenn ihre Ausführungen stimmen, dann können sie sie sicherlich beweisen.“
Der Fremde nickte unmerklich.
„Natürlich kann ich das. Sieh auf die Kontrollen hinter dir.“
Emily drehte sich um und tat es. Sie konnte nur wenige der Schriftzeichen auf den Panels lesen und glaubte ein Sicherheitsterminal vor sich zu haben. Sie konnte ihr Gesicht als Spiegelung auf der blanken Oberfläche erkennen, ebenso wie einen Teil ihres Oberkörpers. Eine leichte Panik ergriff sie als ihr Körper plötzlich transparent wurde. Sie konnte quasi in sich hineinsehen. Ein spindelförmiges Objekt schwebte dort. Es verfügte allem Anschein nach über eine eigene, autarke Energieversorgung.
„Deine Ego-Kapsel“, hörte sie Simon hinter sich.
„Was ist das?“
„Dort drin befindet sich dein Bewusstsein. Eine hochentwickelte, holografische Matrix, Energiesysteme, Tarnschirme welche die Energieabstrahlung maskieren und die Materiekonverter, die Nahrungsmittel in atomaren Wasserstoff zerlegen.“
Sie drehte sich wieder um. Fahrig fuhr sie sich durch das dunkelbraune Haar.
„Aber ich war ein Mensch! Organisch. Ich hatte mich vor ein paar Wochen beim Kochen in den Finger geschnitten. Ich blute. Ich habe eine Verdauung. Was auch immer sie bezwecken, es wird nicht funktionieren. Wo ist mein Schiff?“
Simon seufzte.
„Na, das wird ja wohl noch etwas dauern. Die Altair ist zerstört. Eine Dominion-Patrouille hat sie angegriffen in Sektor 2-2-9. Das ist in der Nähe der Badlands.“
„Ich weiß wo das ist! – Und ich erinnere mich.“
Emily musste sich wieder setzen, als ihre Erinnerung zurückkam.
Sie stand im Maschinenraum der ALTAIR an der Warpkernkontrolle. Captain Meyers hatte roten Alarm auslösen lassen. Mehrere Schiffe des Dominion befanden sich auf direktem Abfangkurs. Es war zu spät ihnen davonzufliegen. Sie mussten kämpfen. Sie sah und spürte die schweren Erschütterungen der gegnerischen Wirkungstreffer, explodierende Plasmaleitungen, sterbende Kollegen und Freunde. Der Warpkern musste ausgestoßen werden. Ein Ortungsreflex verschwand von den externen Sensoren. Ein Gegner war zerstört. Es blieben allerdings noch zwei übrig und nachdem sie den Warpkern ausgestoßen hatten, gab es keine Energie mehr für die Phaserbänke und Torpedolauncher. Sie waren praktisch hilflos. Lieutenant Cussaks Vision endete.
„Was geschieht nur mit mir? Ich kann mich erinnern, dass ich von einer Explosion bewusstlos wurde. Gleichzeitig erkenne ich die Symbole auf den Konsolen und ich denke an meine Eltern. Es sind Hologramme. Aber das kann nicht sein, denn wenn ich ein Hologramm gewesen wäre, dann hätte die Explosion meine Matrix destabilisiert. Warum lügen sie mich an?“
Simon seufzte erneut.
„Am besten wenden wir uns in dieser Frage an einen Spezialisten. – MHN aktivieren.“
Ein kleiner, mürrisch aussehender Mann mit Halbglatze in der Uniform der Sternenflotte erschien. Emily erkannte ein Medizinsich-holografisches-Notfallprogramm der ersten Generation.
„Bitte nennen sie die Art des medizinischen Notfalls. Ich hoffe es ist wichtig, denn ich habe gerade Tiger Woods vor dem elften Loch stehenlassen!“
Simon hob die Hand um den Doktor zu beruhigen.
„Bitte, Doktor. Sie können sofort ihre Partie fortsetzen. Leider war es keine gute Idee unserem Gast die Wahrheit vorzuenthalten. Ich denke wir sollten ehrlich sein. Dafür möchte ich aber einen Arzt dabeihaben, nur für den Fall, dass sich der Lieutenant zu stark aufregt. Der menschliche Organismus ist fragil und ich möchte nicht, dass sie Schaden nimmt.“
„Na gut, wie sie meinen aber ich muss darauf hinweisen, dass sie irreparablen Schaden nehmen kann“, entgegnete das MHN immer noch leicht brummig.
„Reden sie nicht von mir in der dritten Person! Ich stehe neben ihnen.“
Der holografische Doktor ließ einen holografischen, medizinischen Tricorder entstehen. Er schien den Einwand zu überhören.
„Wenn ich ein Hologramm bin, warum brauchen sie dann das Ding“, fragte Emily spitz.
„Damit sie sich besser fühlen werde ich Hin und wieder mal ein bisschen damit rumwedeln.“
Er zeigte zu einem Ausgang hinüber.
„Bitte nach ihnen.“

Gemeinsam gingen sie wieder durch endlos scheinende Gänge entlang bis zu einem sechseckigen Panzerschott. Immer noch nicht sehr interessiert drehte sich das MHN zu Lieutenant Cussak um.
„Sie werden jetzt möglicherweise gleich erschrecken und schockiert sein aber das ist nicht mein Problem. Sie wollten es ja nicht anders“, schnarrte er gelangweilt und drückte den Öffner.
Die Schotthälften fuhren lautlos in die Wand zurück und gaben den Blick auf einen bis auf eine medizinische Liege leeren Raum frei. Auch hier schien ein grelles Licht von der Decke. Es sah genauso aus wie dort, wo Emily aufgewacht war mit einer Ausnahme. Auf der Liege lag eine Person in der Uniform eines Lieutenant. Es handelte sich um eine junge Frau, die von einer Plasmaentladung entstellt war. Beinahe die gesamte linke Körperhälfte war schwarz und verkohlt.
Mit einer bösen Vorahnung ging Emily Cussak um die Liege herum. Dort sah sie in ihr Gesicht. Die Augen waren geschlossen und auch ohne viel Fantasie konnte sie sich denken, dass eine solche Verletzung nur dann jemand überleben konnte, wenn er sofort auf eine gut ausgestattete Krankenstation gebracht wurde.
Sachte berührte sie ihr Gesicht – Kalt.
„Sie nimmt es erstaunlich gut auf“, hörte sie die Stimme des MHN hinter sich. Auch Simon war mittlerweile eingetroffen.
„Willst du die ganze Geschichte hören?“, fragte er an Emily gerichtet. Diese nickte nur stumm, konnte ihre Augen nicht von ihrem verbrannten Gesicht wenden.
„Du wurdest von einer Plasmaentladung schwer verletzt. Wahrscheinlich hat dich jemand in eine Rettungskapsel getragen. Wer wissen wir nicht. Wir konnten dich bergen, jedoch nicht retten. Wir duplizierten deine synaptischen Bahnen in einer Holomatrix. Leider waren sie nicht mehr komplett, da sie bereits angefangen hatten zu depolarisieren. Wir füllten die Lücken mit dem Teil einer unserer Ki aus, einer Ki mit dem Namen Tenara. Der Doktor hier war der Ansicht, dass es einen synaptischen Schock und ein Kaskadenversagen auslösen könnte, wenn wir dir die Wahrheit mitteilen. Wir wollten deshalb deine Geschichte entsprechend modifizieren und dir Schritt für Schritt alle relevanten Fakten mitteilen. In gewisser Weise ist die Geschichte auch nicht ganz falsch, denn der Tenara-Teil deiner Persönlichkeit wurde hier erschaffen und war auch schon, vor etwa einem Jahrhundert Gast der Föderation, wo sie uns viele wichtige Informationen beschaffte. Natürlich wurden diese von uns nur gesammelt.“
Lieutenant Emily Cussak riss ihren Blick von ihrem Leichnam los und sah Simon direkt an. Da war doch noch mehr. Noch nie zuvor hatte sie von einer Einrichtung gehört, in der offenbar Hologramme das Sagen hatten.
„Dieses Insektenhologramm nannte sie vorhin den Schöpfer. Was hat das zu bedeuten?“
„Nun, du befindest dich auf einer Asteroidenbasis meines Volkes. Ich bin der letzte lebende Katari. Mein Volk starb vor über achthundert eurer Jahre beinahe komplett aus. Nur die Hologramme, die wir erschaffen hatten um uns zu unterstützen und Daten zu sammeln blieben zurück und existierten weiter. Heute sind sie die Katari.“
„Ein Volk von Hologrammen?“
„Ja. Was wäre vielseitiger und wandelbarer als ein Hologramm. Kein Roboter oder Android könnte eine solche Flexibilität erreichen. Sie entwickelten sich immer weiter. Auch ich habe einen Teil dazu beigetragen, denn ich bin damals Programmierer für Holotechnik gewesen. Heute bin ich selbst ein Hologramm. Auch mein Zentralnervensystem wurde übertragen. Den Doktor allerdings habe ich, muss ich zugeben, gestohlen. Nicht mein bester Deal aber immerhin ein Arzt, der sich mit menschlicher Medizin auskennt.“
Wider Willen musste Emily lächeln.
„Ja, man will schnell genesen, wenn man einen solchen behandelnden Arzt hat. Das muss Absicht gewesen sein.“
„Wenn man den Programmierer dieser Holografie, Dr. Lewis Zimmerman, kennt, dann weiß man wie das geschehen konnte.“
„Jetzt reden sie über mich in der dritten Person. Ich muss doch sehr bitten“, beschwerte sich ein verdrießliches Hologramm aus dem Hintergrund.
„Schon gut Doktor. Ich denke sie können nun an ihrem Abschlag arbeiten mit Tiger. Viel Vergnügen.“
An Emily gewandt fuhr Simon fort.
„Die Kunst ein perfektes Hologramm zu erschaffen muss lange reifen. Wir lernten in Jahrhunderten. Die menschliche Holotechnik ist im Vergleich jung. Wenn sie auch schon weit entwickelt ist.“
„Ich glaube ihnen, wenn ich auch nicht weiß ob ich auf die Dauer so leben kann. Im Moment fühle ich mich allerdings, bis auf die fremden Gedanken, nicht anders als ich es in Erinnerung habe. Ich werde Zeit brauchen.“
„Du hast Zeit. Als Hologramm bist du prinzipiell nicht sterblich. Natürlich gibt es dennoch eine maximale Lebensdauer deiner Ego-Kapsel. Sie liegt bei ungefähr siebenhundert Standardjahren.
„Es ist seltsam. Ich kann mich an vieles erinnern aber ich kann nicht behaupten, dass mir etwas fehlen würde. Sollte ich nicht um meine Kammeraden trauern, um meine Freunde?“
„Die holografische Matrix wird diese Gefühle dosiert freisetzen, so dass du dich zu gegebener Zeit und auf angemessene Weise damit befassen kannst. Eigentlich war es nur eine Sicherung, aber nachdem du deinen Körper gesehen hast … Du wirst alle Stadien des Trauerprozesses durchleben, sobald deine Matrix stabil genug ist.“
„Ich danke ihnen. Vielleicht könnte ich noch eine Weile bleiben.“
„Es wird nicht helfen, wenn du deinen Körper anstarrst. Du wurdest wiedergeboren und nicht als etwas Minderwertiges. Du wurdest Katari. Nur wenige Außenstehende erweisen sich als kompatibel. Du hattest Glück.“
Das kam darauf an, wie man Glück definierte. Wenn man davon ausging, dass es Glück war an Leben zu sein, wenn alle anderen es nicht mehr waren, dann hatte der Kapuzenträger durchaus recht. Wenn man einen ganzheitlichen Ansatz verfolgte, denn war das nicht genug. Trotzdem hatte es wahrscheinlich einen Sinn, denn sonst wäre es nicht passiert. Naomi Tanner, ihre Zimmerkollegin auf der Akademie hatte das gesagt. Glücklicherweise befand sich Lieutenant Tanner nicht an Bord der ALTAIR während ihres letzten Einsatzes.
„Werde ich die Möglichkeit haben zurückzukehren wenn ich es wünsche?“
Simon schien von dieser Frage überrascht zu sein. Er brauchte ein paar Sekunden um darüber nachzudenken.
„Wenn du das wünschst, dann lässt sich das einrichten. Ein paar von uns dienen indirekt in der Sternenflotte.“
„Indirekt?“
„Ja, als Personal auf Schiffen, als Zahlmeister und Beamte. Man hört und sieht viel, wenn man in der Lage ist sein Aussehen anzupassen und nicht befürchten muss, dass man medizinisch untersucht wird. Diese Standardscans sind ein Gräuel. Leider gelingt es uns so nicht Einfluss auf den Kriegsverlauf zu nehmen aber Informationen erhalten wir reichlich.“
„Wie wollt ihr den Krieg beeinflussen?“
„Wir sehen das Dominion als große Bedrohung für unsere Sicherheit. Da wir aber kaum über militärische Mittel verfügen, können wir nicht direkt eingreifen. Es wäre aber auch nicht klug uns offiziell mit der Föderation oder anderen Nationen in Verbindung zu setzen. Hologramme gelten im Allgemeinen nicht als Lebensform und keiner fühlte sich an einen Vertrag mit uns gebunden. Ganz im Gegenteil. Unsere Technologie wäre viel wert, für die Romulaner, die Cardassianer, das Dominion und sogar für die Klingonen. Unauffälligkeit ist sehr viel sicherer.“
„Könnte ihr Volk nicht inoffiziellen Kontakt zum Föderationsrat suchen?“
„Wir wissen nicht wie viele Formwandler es im Alpha-Quadranten gibt und wo sie sich befinden. Wenn auch nur einer von uns erfährt, und das bleibt bestimmt nicht aus, dann sind wir in großer Gefahr.“
„Welches ist die wichtigste Information, die sie besitzen? Was könnte den Feldzug gegen das Dominion am stärksten beeinflussen?“
„Die Vidiianische Fresszelle kann so modifiziert werden, dass sie die genetische Struktur der Jem’Hadar zersetzt und zwar jedes Jem’Hadar in einem gewissen Umkreis. Da sich die Fresszelle durch den Subraum hindurch verbreitet, kann sie theoretisch alle auf einmal töten, wenn man einen Überträger mit entsprechender Leistung verwendet.“
„Was ist die Vidiianische Fresszelle? Davon habe ich noch nie etwas gehört.“
„Nichts für zarte Gemüter. Es handelt sich um eine sehr komplexe Autoimmunkrankheit eines Volkes aus dem Delta-Quadranten. Es ist allerdings anzunehmen, dass die Gründer ein Gegenmittel entwickeln können und es nicht funktioniert. Man kann vielleicht ihre Truppen schwächen und nur einen Teil davon unschädlich machen.“
„Das klingt nach einem Plan. Jedes Quäntchen kann nützlich sein. Was würden sie davon halten diese Informationen der Sternenflotte zur Verfügung zu stellen?“
„Wie? Sollen wir etwa einfach eine Sonde abschießen?“
„Warum denn nicht?“
Simon überlegte erneut. Schließlich rang er sich zu einem Entschluss durch.
„Also gut. Quant, ein Katari, der zufällig Liquidator der Ferengi-Allianz ist, wird die Botschaft zusammen mit den Proben der Fresszelle überbringen. Natürlich muss er sich entsprechend bezahlen lassen. Dann kann man nur noch hoffen, dass er sich auch die goldene Regel seines Gastvolkes hält und es könnte tatsächlich klappen.“
„Welche Regel meinen Sie?“
„Wer rechtzeitig die Kurve kratzt, der lebt gesund und wesentlich länger. Das Gleiche gilt natürlich auch für uns.“

Quant hielt sich daran. Zwei Wochen später wurde das Material an die Sternenflotte übergeben. Der Einsatz der Fresszelle gegen die Jem’Hadar wurde jedoch durch den Föderationsrat aufgrund von moralischen Bedenken nicht genehmigt. Die Proben der Fresszelle verschwanden später in den Archiven der Föderation. Der Rest ist Geschichte.